Der Umzug in die neue Wohnung (1929)

Von der Rothenbaumchaussee 144, einer Villa, die wir in der ersten Etage und dem Dachgeschoß bewohnten, zogen wir in die Sierichstr. 154.

Meine Schwester war geboren worden. Wir brauchten mehr Wohnraum. Zur Besichtigung der neuen Wohnung durfte ich meinen Vater begleiten. Ich hatte so eine Wohnung noch niemals gesehen.

Die Wohnung hatte eine Zentralheizung. Ich kannte nur Kachelöfen, die nicht in allen Räumen standen. Das Badezimmer war gekachelt, hatte eine weiße Badewanne, eine Dusche und ein großes Waschbecken. Alle drei Dinge waren mit je einem kalten und warmen Wasserhahn ausgestattet.

Ich kannte nur unsere kupferfarbene Wanne, an die ein runder Ofen angeschlossen war, den man mit Brikett heizen musste, wenn man baden wollte, und aus dem kleinen Hahn am Waschbecken kam nur kaltes Wasser.

Der Fußboden hatte Linoleumbelag, wie die ganze Wohnung. Hier hatten alle Räume helle Parkettfußböden. Zur Küche gab es einen Gasherd und eine Spüle mit zwei Abwaschbecken. Ich kannte nur einen Kohlenherd, und zum Abwaschen zog man aus dem Küchentisch eine Lade, in der zwei große Schüsseln steckten. Aber für mich 8-Jährige war die größte Attraktion die Müllkippe im Treppenhaus und der Fahrstuhl.

Ich war so beeindruckt von all diesen Neuigkeiten, dass ich nichts Eiligeres zu tun hatte, als dies anderntags in der Klasse lauthals zu verkünden. Die Kinder staunten und wollten es kaum glauben. Ich kam so richtig in Fahrt beim Erzählen. Darüber kam unsere Lehrerin hinzu. Nach einer kurzen Weile kam sie auf mich zu und sagte: „Komm mal einen Augenblick mit vor die Tür.“

Und da hielt sie mir einen kleinen Vortrag. Sie sagte: „Wir haben 26 Kinder in der Klasse. Davon bist du die einzige, die das Glück hat, in einer so eleganten Wohnung zu wohnen. Die Eltern der anderen Kinder können sich solchen Luxus nicht leisten, weil sie nicht das Geld haben, solche Wohnung zu bezahlen. Wenn jetzt die Kinder diese Geschichte zu Hause erzählen, macht das böses Blut. Sie könnten schnell neidisch auf dich werden und nicht mehr mit dir spielen wollen und dich isolieren. Das willst du bestimmt nicht. Mit Reichtum prahlt man nicht. Das musst du dir merken. Hast du das verstanden? So etwas tut man nicht!“

Autorin: Lieselotte Lamp

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