Alltag in der Volksschule (1928-1930)

Am 1. April 1928 – also mit 6 Jahren – kam ich in die Schule. Zuerst lernten wir das „i”. Rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf.

Eine Tafel habe ich nie besessen. Wir begannen mit Tinte. Einen Füllfederhalter gab es 1928 noch nicht. Wir besaßen einen Federhalter, darauf schoben wir eine Feder und tunkten die Feder in ein Tintenfass. Ich hatte wohl beim Schreiben das Löschblatt immer weiter nach oben geschoben. Dadurch gab es keine gerade Linie mehr. Unter der letzten Zeile durfte nicht mehr geschrieben werden. Ausgerechnet mein Heft hielt der Klassenlehrer hoch, um zu zeigen, dass ich es richtig gemacht hatte.

Er sagte, wenn wir Lust hätten, könnten wir Hausaufgaben machen. Eines Tages beschloss ich, keine Lust zu haben. Das war ein Reinfall, aber auch eine Lehre. Am nächsten Tag war der Lehrer krank und die Vertretung schalt mich faul.

Im Winter 1928 zogen wir in eine Neubau-Wohnung, Bornkampsweg 8. Ich kam nun in die Schule Moortwiete, heute heißt sie Daimlerstraße. Hier herrschte Ordnung. Um 10 Minuten vor 8 klingelte es und die Schultüren wurden geschlossen. Wir saßen alle Punkt 8 Uhr in unserer Klasse.

Im 3. Schuljahr bekamen wir einen neuen Lehrer, Herrn Bielfeld. Betrat er die Klasse, standen alle Schüler auf. Wir wurden mit „Guten Morgen“ begrüßt und antworteten im Chor „Guten Morgen, Herr Bielfeld“. Nach dem Wort „SETZEN“, saßen wir alle mit gefalteten Händen auf unserem Platz. Nun musste ein Mädchen sich vor die Klasse stellen und ein Gedicht aufsagen.

„Wie weh tut mein Finger,

wie weh tut mein Fuß,

wie weh tut mir alles,

wenn ich arbeiten muss!

Es tut mir kein Finger,

kein Fuß tut mir weh,

wenn zum Tanzen,

zum Springen,

zum Spielen ich geh!“

Wir schrieben bei ihm jeden Tag ein Diktat, anschließend wurde die deutsche Rechtschreibung erklärt.

Gab es ein Gewitter, zählten wir die Sekunden zwischen Blitz und Donner und rechneten aus, wie weit das Gewitter entfernt war. Wir lernten, dass es A- und B-Elektrizität gibt, und wie wir uns verhalten sollten.

Unser Lehrer muss im Frühling Geburtstag gehabt haben. Er bekam immer Töpfe mit Tulpen geschenkt. Wir mussten die Tulpen untersuchen. Blätter, Staubgefäße, Naben. Die Blumen wurden bestäubt, einige mit eigenem, andere mit fremdem Samen.

Wurde eine Schülerin krank, wurde viel über die Krankheit diskutiert. Welche Ursachen hat die Krankheit, wie muss ich mich verhalten…

In der vierten Klasse wurde ich dann zur Mittelschule angemeldet.

Autorin: Emmi Füllenbach

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