Kindheit auf dem Bauplatz – so war es um 1930

Neben unserem Wohnhaus in Farmsen lag der große Bauplatz, der für uns Kinder ein großer Abenteuerplatz war. In der Garage stand unser erstes Lastauto. Wer kann sich heute so ein LKW-Schnauferl aus dem Jahr 1925 vorstellen? Es hatte Hartgummireifen, die Fahrerkabine sah aus wie ein Mini-Wochenendhaus, und es hingen sogar Gardinen hinter den Fenstern des Beifahrers. Die seitlich angebrachte Hupe glich einem Posthorn und der Kühler dem Maul eines Düsenjets.

Unser Bauhof war für meine Freunde und mich der schönste Spielplatz. Jeder neue Besucher wurde erst mal auf den Dachboden der Garage gelotst, wo zwei große Kuhköpfe aus Metall unter den Giebeln hingen, die vom Abbruch eines alten Kuhstalls auf dem Farmsener Gutshof stammten. Danach wurden dort oben die Gerätschaften für unsere Maurer und Steinträger inspiziert. Maurerkellen, Wasserwaagen, Schaufeln, Eimer, Spitzhacken, Tröge usw., alles geordnet und abrufbereit für unsere Leute am Bau.

Herr über Bauplatz und Garage war unser Bauvize, Hermann Fiegel, den ich sehr verehrte. Und als ich als Fünfjährige mit meinen Eltern vor dem Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald stand, rief ich begeistert: „Das ist das Hermann-Fiegel-Denkmal“. Na ja, eine gewisse Ähnlichkeit war wohl vorhanden, besonders wenn Fiegel mit erhobener Schaufel einen Verehrer unserer Hündin Wully vom Platz vertrieb.

Neben der Aufsicht über Baumaterial, ordentlicher Lagerung, An- und Auslieferungen hatte Hermann aber noch andere Aufgaben. Wir Kinder sahen ihm andächtig zu, wenn er Gehwegplatten herstellte: Zement, feiner Sand, Kalk und Wasser wurden in einem großen Bottich angerührt – wie beim Kuchenbacken. Hermann legte einen verstellbaren Eisenrahmen auf eine Holzpalette, schaufelte von dem Baggermatsch so viel hinein, dass der Rahmen gut gefüllt war, fuhr dann mit der Maurerkelle über die Masse, bis die Oberfläche glatt war. Die Kelle wurde in Wasser getaucht, und er strich nochmals liebevoll über die Fliese, die dann glänzte, als läge eine feine Wachsschicht darüber. Der Rahmen wurde vorsichtig abgenommen und die Fliese auf der Palette zum Trocknen gestapelt. Nach einiger Zeit waren die Fliesen dann steinhart und fertig zum Verlegen.

Beliebt war besonders für meine Freundin Gisela und mich das Versteckspielen, wenn Besuch von auswärts kam, denn wir hatten ein bombensicheres Versteck – das Arbeiterklo neben Fiegels Schuppen. Wenn die Gäste uns suchen mussten, standen wir auf dem Klodeckel, lugten durch das Herz in der Tür und lachten uns halbtot, wenn die Sucher in alle Winkel und hinter alle Stapel guckten und dann ratlos umherirrten.

Eine Ecke des Bauplatzes wurde uns Kindern zum Höhlebauen überlassen. Wir gruben etwa ½ m tief, über die aufgeworfene Erde legten wir Bretter, von denen es auf dem Platz genug gab, und Hermann spendierte uns nicht nur ein großes Stück Dachpappe, sondern als Clou noch einen alten Ofen mit langem Rohr, den wir richtig beheizen konnten. Die Jungens zogen mit Pfeil und Bogen los, um Hasen zu erlegen, hatten zum Glück aber nie Erfolg. Zum Trost kochten wir Kakao und pulten Körner aus ein paar geklauten Weizenähren von Bauer Behns Acker.

Im Laufe der Jahre wurde die Garage um zwei Anbauten erweitert, es wurden moderne Lastwagen angeschafft. Oft warteten wir Kinder, bis die Laster abgestellt und Chauffeur und Beifahrer gegangen waren. Dann ging es rauf auf die Ladeflächen und aufs Dach des Fahrerhäuschens.

Ab und zu waren Laster rund Anhänger beladen mit den schönen rot-blauen Klinkern, die in der Ziegelei von Johannes R. Bartels in Cranz hergestellt wurden. Mit eigenen Schuten brachte die Firma Bartels die Mauersteine nach Hamburg, und unsere Laster brachten sie vom Kai zur Baustelle.

Diese Klinker sind noch heute zu bewundern an mehreren Schulen, die mein Vater im Auftrag unseres berühmten Architekten, Fritz Schumacher, bauen ließ; darunter das Gymnasium in Volksdorf, die Schulen Berne, Caspar-Voght-Straße und zwei weitere in Barmbek. Fritz Schumacher hinterließ Hamburg mit seinen großzügigen, damals topmodernen Schulen und vielen hervorragenden öffentlichen Bauten in seiner typischen Klinkerbauweise wahre Schmuckstücke der Baukunst.

Auf dem Bauplatz wurde der Betrieb immer lebhafter. Hermann Fiegel bekam einen kleinen Betonmischer, und für unsere Laster schaffte mein Vater eine eigene kleine Tankstelle an. Wir Kinder wuchsen heran, saßen länger bei unseren Schularbeiten und stürmten danach in die  weitere Umgebung.

Diese freie, ungezwungene Kindheit hat mein Leben geprägt. Trotz des vielen Auf und Ab im Laufe der Jahre bin und bleibe ich Optimist.

Autorin: Lore Bünger

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