Überfall auf Polen („Blitzkrieg“) 1939

1919 geboren, wurde ich 1938 zum RAD (Reichsarbeitsdienst) einberufen. Von dort ging es sofort zur Wehrmacht. Angefangen habe ich als Rekrut bei den Seefliegern in Schleswig. Im Frühjahr/Frühsommer 1939 kam ich zur Ausbildung als so genannter Bildsoldat nach Parow bei Stralsund. Ende Juni 39 gab es eine erneute Veränderung: War ich bis dahin Seeflieger, gehörte ich nun in die 4. Staffel der 21. Gruppe einer Heeresaufklärungsstaffel. Unser Standort war Neubrandenburg. Schon einen Monat später, also Ende Juli 1939, erfolgte eine weitere Verlegung in den Raum Brieg in Schlesien. Dort landeten wir auf einem Feldflugplatz und wurden dem X. Armeekorps zugeordnet.

Der Stab des Armeekorps residierte im Piastenschloss in Brieg. Daselbst fand ein oder zwei Tage vor Beginn des Krieges ein Feldgottesdienst mit den Geistlichen beider Konfessionen  statt, umrahmt von Feldhaubitzen und Gewehrpyramiden.

Kurz vor Kriegsbeginn gab es für die deutsche Luftwaffe ein sehr tragisches Ereignis. Durch eine meteorologische Fehlprognose, die Wolkenuntergrenze war falsch eingeschätzt worden, rammten sich 20 von 27 Stukas (Sturzkampfbombern) in den Boden. Nur die ersten Maschinen konnten von ihren Piloten rechtzeitig abgefangen werden.

Es lag in jenen Tagen eine geradezu knisternde Atmosphäre über dem politischen Geschehen. Oberst Beck, der polnische Außenminister, hatte noch einmal mit Göring im Jagdschloss des Fürsten Radziwill konferiert, aber ohne positives Ergebnis. Dies war vorauszusehen.

So sind dann am 1. 9. 1939 morgens gegen 6.00 Uhr die H 111-Verbände (Heinkel-Bomber) mit ihrer Bombenlast über uns hinweg zum Überfall auf Polen gen Osten geflogen, nachdem zuvor das Schulschiff Schleswig-Holstein die Westerplatte bei Danzig unter Feuer genommen hatte.

Für mich als 19-jährigen war das alles zunächst nicht viel mehr als ein spannendes Abenteuer, zumal ich ja in meiner Situation weit weg vom Schuss war.

Schon am zweiten Tag des Krieges wurde der Stab nach Osten verlegt, immer darauf bedacht, einen angemessenen Abstand zur Front einzuhalten. Dieses passierte immer wieder, denn es handelte sich ja um einen „Blitzkrieg“. Die Stationen waren (soweit ich mich noch erinnere) Wielun, Radom, Lodz und Warschau.

Einmal bezogen wir Quartier in einem Schloss, in dessen Dach sich eine Granate verirrt hatte. Diese ließ den Stab wie einen Ameisenhaufen durcheinander schwirren. So sah ich einen kommandierenden General in Hosenträgern, Socken und Stahlhelm die Freitreppe herunter eilen. Die mangelhafte Optik eines solchen Idols ließ eine Welt für mich zusammenbrechen.

Am 3. 9. hatten wir den ersten Toten zu beklagen. Der Flugzeugführer einer HE 46 war bei einem Einsatz mit einem polnischen Jäger zusammengestoßen. Der mitgeflogene Beobachter konnte rechtzeitig hinausklettern und mit dem Fallschirm landen.

Einige Tage später, es muss der 5. oder 6. 9. gewesen sein, eine unserer Divisionen war in die Kesselschlacht bei Kudno involviert, verloren wir ein zweites Flugzeug. Die beiden Besatzungsmitglieder konnten sich jedoch retten und zur deutschen Front durchschlagen. Als sie wieder bei uns eintrafen, wurden sie gebührend gefeiert.

Nachdem die Schlacht bei Kudno geschlagen war (es war die entscheidende Schlacht des Polenfeldzuges), war es einigen polnischen Einheiten gelungen, nach Warschau auszubrechen. Damit verlor Warschau den Status einer „offenen Stadt“. Dies war der Auftakt für ein beispielloses Bombardement auf die wehrlose Stadt.

Als ich gemeinsam mit einem Vorgesetzten einen Tag nach der Kapitulation Warschaus in die Stadt fuhr, sahen wir unterwegs Menschen auf den Feldern, wie sie Kartoffeln ausgruben und vor Hunger hineinbissen, wie in einen Apfel. Warschau selbst bot ein Bild, wie wir es später von unseren Städten kennenlernen sollten.

Nach der Aufhebung der Quarantäne zogen dann die deutschen Truppen in die zerstörte Stadt ein, und der Generaloberst von Blaskowitz nahm die Parade ab, Hinter ihm, auf dem Pilsudsky-Platz, war ein riesiger Kartoffelberg angehäuft worden. Dieser wurde von polnischen Gendarmen, die mit deutschen Karabinern bewaffnet waren, beschützt. Ich erinnere mich, dass der Generaloberst immer nervös nach vorne salutierte und dann den Kopf nach hinten drehte, wo hunderte hungriger Polen den Kartoffelberg stürmen wollten. Die Gendarmen schossen aus Verzweiflung in die Luft. Es war eine skurile Situation.

Danach wurden wir in den Raum Bialystok verlegt. Dort hatte Hitler mit Stalin die neue Demarkationslinie vereinbart.

Mit russischen Soldaten tauschten wir Zigaretten. Ihre Papyrossi hauten den stärksten Raucher um. Für mich war der Polenfeldzug beendet.

Autor: Wilhelm Simonsohn,

transkribiert von Richard Hensel

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