Ressentiments (1957)

Im September 1957 lagen der Krieg und die Aufdeckung der Gräueltaten der Nazis an den Juden zwölf Jahre zurück. Längst hatten wir angefangen, ein normales Leben zu führen und allen Menschen unbefangen zu begegnen.

Besonders durch meinen Beruf in der Schifffahrt hatte ich mit Menschen aus allen Kontinenten Kontakt. Und wonach steht einem der Sinn, wenn man täglich Reisende in alle Welt zu buchen hat? Na klar, ich wollte mit meinem Mann eine zünftige Frachtschiffreise in unserem Urlaub 1957 machen.

Auf der „Kota Gede“ (siehe Foto unten), einem 7.300 BRT großen (heutzutage kleinen) Frachter unserer Reederei, Koninklijke Rotterdamsche Lloyd, auf dem 10 Kabinen zur Verfügung standen, bekamen wir eine Doppelkabine auf dem Promenadendeck. Allerdings ohne Bad und WC. Solchen Luxus hatten viele Frachter damals noch nicht. Wir waren trotzdem glücklich und zufrieden, diese interessante Seereise ab Rotterdam um Spanien und Gibraltar herum nach Marseille, Savona und Genua machen zu können.

Sechs unserer Mitreisenden nach Genua waren holländische Kollegen aus dem Reedereibüro in Rotterdam mit ihren Frauen, die auch dorthin reisen wollten. Außerdem war ein Psychologe an Bord, der bis zum Bestimmungshafen Djakarta/Indonesien gebucht hatte. Er betreute dort in einer Klinik nervenkranke Menschen.

Bei den Mahlzeiten am Kapitänstisch lernten wir uns alle näher kennen. Verwundert war ich, als ich nach zwei Tagen auf See ein Ehepaar an Deck traf, das ich vorher nicht gesehen hatte. Ich grüßte freundlich und erwartete natürlich einen Gegengruß. Aber beide schauten förmlich durch mich hindurch, wandten sich ab und verschwanden in Richtung Kabinen. Ich wunderte mich sehr. Und wieso saßen diese beiden Passagiere nicht mit uns am Kapitänstisch? War das ein Fall für unseren Psychologen? Er war ein lustiger, aufgeschlossener Mann, nannte mich „De Kommandant van det U-Boot“, weil ich als einzige Frau hier an Bord in blauen Marinehosen herumlief. Also fragten wir, was mit diesen beiden denn los sei. Von ihm erfuhren wir, dass sie Juden waren, sie wollten keine Deutschen mehr sehen, und sie aßen getrennt im Aufenthaltsraum.

Mein Mann und ich waren darüber sehr betroffen, hatten dann aber Verständnis dafür. Wir wunderten uns eigentlich, dass die Holländer uns am Kapitänstisch akzeptierten und nicht das jüdische Ehepaar. Aber dann sagte einer der Holländer: „Hamburger sind zwar Deutsche, aber sie sind Hamburger, und mit denen haben wir nur gute Erfahrungen.“

Das half uns sehr, unsere Reise doch noch zu genießen. Aber die Wunden der jüdischen Seelen waren zwölf Jahre nach dem Krieg und fast 25 Jahre nach Beginn der Verfolgung der Juden in Deutschland noch lange nicht geheilt. Wie lange wird dieser dunkle Schatten noch auf uns lasten?

Autorin: Lore Bünger

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