Plötzlich stand da ein Haus (50er Jahre)

Mit 12,13 Jahren ist man ja noch nicht so groß. Und mit 12, 13 Jahren hat man noch nicht so das Gefühl von Zeit. Ein 30-Jähriger ist da ja schon ein alter Mensch, der ewig lebt. So muss es sich wohl mit dem Eindruck verhalten, der sich bei mir im Kopf festgesetzt hat über die Bautätigkeit in den 1950er Jahren.

Wir wohnten seit 1949 in Bochum, am Rande der Innenstadt. Und wenn wir in die „Stadt“ gingen, dann war es praktisch einmal rechts um die Ecke und dann immer geradeaus. Gleich am Anfang von „immer geradeaus“, an der ersten Kreuzung, stand links ein Pavillon mit einer Wäscherei, jedenfalls ein flaches hölzernes Gebäude. Und als ich beim nächsten Mal daran vorbeikam, gleich nach den Ferien, stand da ein großes Haus, fast fertig, es roch nach frischem Beton und Putz, die Fenster wurden gerade eingesetzt und, schwupps, war das Haus fertig. Irgendwie: so zwischen Ferienanfang und Ferienende. Ich habe mich damals sehr gewundert, und wundere mich bis heute, wie man so schnell ein Haus bauen kann. Oder etwas weiter geradeaus, in Richtung Innenstadt. Die Augustastraße war eine schmale, ansteigende Straße mit lauter schwarzen, stuckverzierten Häusern, aber wohl fast alle kaputt. Für Kinder also sehr interessant. Plötzlich aber waren die alle weg. Und die Augustastraße hieß jetzt auf einmal Hans-Böckler-Straße, sie war nicht mehr schmal, sondern vierspurig – für die Straßenbahn also viel Platz – und auf der linken Seite standen lauter neue Häuser mit riesengroßen Glasscheiben in den Läden. Und die sahen alle sehr schön glatt und modern aus, gar nicht so verziert und verschnörkelt. Geradlinig eben, wie die Zeit es erforderte. Und mir kommt es vor, als ob auch dies in wenigen Wochen geschah, wenigstens aber nicht mehr als ein Jahr dauerte.

Damals, Mitte der 50er, wurde überall der Grundstock für das Straßenraster gelegt, das wir noch heute in den Städten haben – und ab Anfang der 60er änderte sich in den Straßenplänen nur noch wenig. Die Stadtpläne von Mitte der 50er gaben noch das oft verwinkelte Straßennetz der Städte von vor dem Krieg wieder, den Stadtplan von 1960 kann man im großen und ganzen noch heute verwenden und man findet sich gut zurecht. Aufbaujahre waren auch Abrissjahre. Die autogerechte Stadt wurde gebaut.

Und dann gab es noch unsere „Ruine“ – vier Häuser weiter stand sie und sie war der – verbotene – Abenteuerspielplatz für uns Kinder in der Straße. Eines Tages rückten Bagger an und rissen das Haus ein. Ein Neubau rückte an die Stelle, und für uns Kinder und Jugendliche gab es einen Spielplatz weniger. Und gleichzeitig wurden auf der anderen Straßenseite die einzigen Häuser abgerissen, die stehen geblieben waren. In meiner Erinnerung waren es Jugendstilhäuser. Sie mussten Platz machen für eine breite Ringstraße, die gebaut werden sollte.

Der Durchbruch der Straße dauerte zwar noch ein paar Jahre, und ich habe ihn dort nicht mehr erlebt. Aber unsere ruhige Wohnstraße wurde eine vierspurige breite Autostraße. Und plötzlich gab es auch Autos, und die fuhren auch durch unsere Straße.

Vorbei war es mit dem Völkerballspielen auf der Fahrbahn – das ging noch in der ersten Hälfte der 50er, aber dann kamen einfach zu oft Autos. Vorher: ja, da sind wir lässig kurz mal alle an den Straßenrand getrottet, wenn da wirklich ein Fahrzeug langsam ankam, ein PKW oder ein „Tempo“-Dreirad. Dann stürzten wir gleich wieder johlend auf die Straße und spielten weiter.

Aber jetzt, in der zweiten Hälfte? Da kamen die Autos, und sie fuhren schneller. Auf einmal waren jetzt die Autos die Herren der Straße, nicht mehr die Kinder. Und die Straßenlaternen gingen jetzt von alleine an. Sie hatten Strom. Den Laternenanzünder gab es auf einmal nicht mehr. Die Modernität frisst ihre Arbeitsplätze. Auch damals schon. Aufbaujahre.

Autor: Carsten Stern

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