Ein ganz normaler Schultag (1950)

Morgens um 5 Uhr 45 klingelte der Wecker. Den besaßen wir 1950 schon. Auf dem Boden unserem Zimmer gegenüber hatten wir inzwischen so etwas Ähnliches wie eine Kochnische. Dort stand auch ein Hocker mit einer Waschschüssel, daneben eine Wasserkanne mit einer richtigen Gießschütte. Das ganz schnelle Waschen mit kaltem Wasser im Sommer und auch im Winter wurde manchmal zur Katzenwäsche.

Auf die Schnelle habe ich noch eine halbe Scheibe Brot mit Marmelade, ohne Butter oder Margarine, gegessen und dazu kalten Tee getrunken, den Mutti schon am Vorabend gebrüht hatte. Inzwischen war es auch schon etwas nach 6 Uhr geworden. Ich rannte schnellen Schrittes zur Schule. Bei Regenwetter nahm mich manchmal der Milchtrecker mit, wo ich im überdachten Fahrhäuschen krumm stehen konnte, aber dafür trocken. Zu Fuß waren es 3,5 Kilometer hin und 3,5 Kilometer zurück.

Um 7 Uhr begann die erste Stunde. In der Mittelschule hatten wir immer von 7 Uhr bis 12 Uhr Unterricht, 5 Stunden mit Pausen dazwischen.

Deutsch hatten wir bei unserem Klassenlehrer; ein Mann mit Brille, hinter der seine Augen immer sehr streng aussahen. Oft war er ungerecht zu uns Flüchtlingskindern.

Von den Eltern der einheimischen Schüler/innen bekamen alle Lehrer ab und zu einen Fresskorb angeliefert, von uns nicht. Wir hatten nur unseren Fleiß und unsere Freundlichkeit.

Unsere Mathematik– und Biologielehrerin trug immer braune Kleidung, hatte einen Dutt und war eine ganz Nette. Sie gestaltete den Unterricht spannend.

Religion gab es alle zwei Wochen bei Fräulein Mahlei, eine große dünne, drahtige Frau mit Stehkragen. Sie starb bald und die ganze Mittelschule war zur Trauerfeier gegangen. Mit unserem Musiklehrer Bobby sangen wir Schüler für sie zwei schöne Chorallieder. Manchmal blieb uns der Ton im Halse stecken.

Erdkunde hatten wir beim Schulleiter. Zum Sportunterricht gingen wir zur Reithalle, auch Turnhalle, oder auf die Außenwiese als Sportplatz.

Um 12 Uhr gingen wir nach Hause. Mutti hatte pünktlich 12 Uhr 30 das Mittagessen fertig. Anschließend trafen sich einige Kinder und Erwachsene mit Hacke und in Gummistiefeln auf dem Hof, um zum Arbeiten aufs Feld zu gehen. Meine Mutter ging zu den Bauern zum Nähen. Manchmal brachte sie etwas Leckeres an Aufschnitt oder zwei Eier mit. Von den Eiern machten wir Rührei, damit man es besser aufteilen konnte. Danach setzte ich mich an meine Hausaufgaben. Um 22 Uhr gingen wir gemeinsam schlafen. Anders war es in dem einzigen Schlaf-, Wohn- und Esszimmer nicht möglich.

Nur am Sonntag hatten wir schulfrei und konnten uns ausruhen.

Autorin: Ingetraud Lippmann

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