Bahnreisen in der Nachkriegszeit (1949/57)

Viel erinnert man ja nicht, wenn man über das Alter von gerade einmal 7 oder 8 Jahren schreiben soll. So liegen deshalb Erinnerungsfetzen etwas im Nebel.

Als ich 7 war, zog meine Mutter mit mir um, weg von Hamburg. Ich blieb die Sommer-/Schulferien über bei Tante und Oma in Bremen und sollte dann am Ende allein – allein! – mit der Bahn von Bremen nach Bochum fahren.

Was ich davon erinnere? Ich weiß nicht, ob es bei diesem Mal oder im Jahr darauf war. Ich sehe, dass der Zug voll war, vollgestopft mit Menschen, übervoll. Eigentlich gingen die Türen gar nicht mehr richtig zu. Einmal wurde ich dann auf dem Bahnsteig um den Bauch gepackt, hochgehoben und durch das Abteilfenster geschoben. Mit dem Kopf voran. Dort fassten andere kräftige Hände an und zogen mich, Kind, in das Abteil, wo ich dann wohl bis zur Ankunft am Zielort blieb.

Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich eine Pappkarte um den Hals hatte. Darauf standen Name und Anschrift, falls ich irgendwie verloren ging. Ich ging nicht verloren. Ich wusste ja, wo ich hin sollte.

Deutlicher sehe ich bei meinen Sommerferienbesuchen in Blankenese Anfang der 1950er die Dampf-S-Bahn auf dem Blankeneser Bahnhof stehen. Sie stand immer auf dem Gleis  neben dem Kohlenlager. Es war ein dunkler Zug mit Trittbrettern entlang der Waggons, und ich glaube, man konnte  nur in jedes Abteil einzeln und von außen einsteigen. Einen Seitengang zum Entlanggehen gab es innen in diesen Zügen nicht. Dafür passten dann auch in jedes Abteil mehr Leute als sonst. Mit diesem Dampfzug fuhren wir von Blankenese nach Wedel, wenn wir dort einen anderen Onkel besuchten. Wohl ab 1952 fuhr von Blankenese die elektrische S-Bahn bis Sülldorf.

Mit diesen Abteilwagen hatte es für mich noch eine besondere Bewandtnis ein paar Jahre später, um 1957. Ich war für vier Wochen als „paying guest“ nach England, zum Sprachenlernen, gefahren. Das war schon etwas ganz Besonderes, solche eine Reise. Ich war jetzt schon groß, mit 15 Jahren, und durfte nach England!

Meine „Gast-“Familie hatte mir alles per Brief aufgeschrieben, wie ich von London aus mit der Bahn zu ihrem kleinen Vorort weit außerhalb der Stadt käme. Ab St. Pancras – einem der vielen Londoner Fernbahnhöfe – fuhr ein Personenzug Richtung St. Albans, und an der Station Radlett musste ich aussteigen – dort würden sie mich abholen.

Ich war zufrieden, als ich in St. Pancras in den richtigen Zug und auch noch zur rechten Zeit eingestiegen war. Es war – ein Abteilzug. Man stieg in ein 8er Abteil und hatte keine Verbindung zu den anderen Abteilen im Zug. Ich wusste sofort: hier musst du verdammt aufpassen, dass du richtig aussteigst. Denn die zwei Mitreisenden waren schon zwei Stationen nach St. Pancras ausgestiegen, ich musste aber weiter.

Fasziniert hatte ich beobachtet, wie sie die Abteiltür aufmachten: Die Tür hatte von innen keinen Türgriff, stellte ich verblüfft fest! Die Leute zogen fest den dicken Lederriemen an der Tür zu sich heran, den Riemen, der das Fenster zuhielt, d. h. sie lösten den Riemen von dem kleinen Halteknopf an der Tür, der verhinderte, dass das Zugfenster in den Türrahmen rutschte, und es so oben hielt. So rutschte oder knallte das Fenster herunter. Dann griff man durch das nun geöffnete Fenster von außen an den Griff der Abteiltür, drückte den Griff der  Tür – sozusagen verkehrt herum – auf und drückte dann die Tür mit dem Gepäck auf. Innen hatte die Abteiltür keinen Griff zum Öffnen, um sie langsam aufzumachen! Das merkte ich mir mit einiger Ängstlichkeit und hoffte, dass ich den Riemen ruckartig lösen konnte.

Ich hatte nun zwei Aufgaben: ich musste merken, wenn „meine“ Station Radlett kam. Und ich musste den festen Gurt von dem Metallknopf ziehen, um dann die Tür von außen aufzumachen. Radlett kam, der Zug stand, und ich zog und zog und zerrte und zerrte an dem Lederriemen. Der aber wollte partout nicht vom Metallknauf abgehen. Ich zog und zerrte. Helfen konnte ja niemand, denn ich war der Einzige in dem kleinen Abteil. Aber endlich riss das Knopfloch aus, das Fenster knallte herunter, und ich konnte von außen – aber das hatten wir schon. Ich hoffte inständig, dass der Zug nicht vorher abfuhr und der Schaffner merkte, dass da jemand noch aussteigen wollte …

Der Schaffner merkte es, meine „Gast-Eltern“ standen auch in einiger Entfernung dort und warteten – und ich konnte aussteigen. Für mich war das damals schon ein kleines Abenteuer – meine erste Auslandsreise – und dann begann sie so!

An dies Erlebnis muss ich immer wieder denken, wenn ich heute einmal Museumszüge mit ihren Trittbrettern an den Seiten und den vielen Einzel-Abteil-Eingängen sehe, und dann denke ich heute an alte Leute mit schwachen Armen und frage mich, wie sind die damals eigentlich aus einem Zug herausgekommen …?

Gut, dass man heute nur auf einen kleinen Elektronikknopf beim Aussteigen drückt und dann die Tür sofort aufgeht! Oder etwa doch nicht? Und dann? Türgriffe gibt es heute auch nicht mehr.

Autor: Carsten Stern

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