Menschen wie wir (1941)

Es geschah in der damals selbstständigen Slowakei, aus der ich stamme. Deren klerikalfaschistische Regierung sympathisierte mit Hitler-Deutschland.

Wir wohnten zu der Zeit in Poprad, etwa 12 km unterhalb der Hohen Tatra, in der Tatranskástraße 4. Im Som­mer 1941 zogen etwa dreißig Hitler-Jungs, so 14 bis 17 Jahre alt, in das Hotel neben uns. Sie hingen oft am Fenster, das seitlich zum Hof hinausging. Ich spielte dort, ich schaukelte, und sie konnten mich ganz leicht sehen. Irgendwann fingen sie an, sich mit mir zu unterhalten. Ich war erst neun. Es freute sie sehr, dass ich deutsch sprach. Einmal bekam ich ein Geschenk von ihnen, sie warfen es mir herunter. Es war ein kleiner Reklamespiegel von einem Möbelge­schäft, ich glaube, in Braunschweig.

Unsere Gespräche wurden immer länger, von Tag zu Tag. Einmal ging ich mit meiner Mutter in die Stadt und traf dort einige der Jungs. Der eine von ihnen, den kannte ich vom Fenster, der war 17 Jahre alt, also für mich ein biblisches Alter. Ich wurde rot und meine Mutter fragte ganz verstört: „Was ist mit dir?“ Er hatte mich gegrüßt! Das machte mich sehr stolz.

Eines Morgens, es muss ein Sonnabend gewesen sein, gingen sie „zum Marsch“, also traten vor dem Hotel an, ganz militärisch, und sie riefen mich. Ihr Leiter war auch da, in Uniform, der war 24 und grüßte mich mit „Heil Hitler!“ – was diese Jungs nie taten.

Dieser fast freundschaftliche Umgang war von Seiten der deutschen Führung ganz sicher nicht erwünscht. Die Tochter des Milchmanns – vielleicht war sie eifersüchtig – muss mich „gemeldet“ haben. Sie scharwenzelte immer um das Hotel herum; ich sehe sie noch vor mir auf ihrem Rad. Einmal muss sie gesehen haben, wie ich mich mit den Jungs unterhielt.

Plötzlich war alles anders. Ich war in der Schule gewesen, hatte eine Freundin besucht, kam am späten Nachmittag nach Hause – da standen die Jungs. Vor dem Hotel. Alle. Unheimlich feindlich. Mit Stöcken empfingen sie mich. Einer haute mir mit dem Stock über die Lippen; sie waren gleich geschwollen.

Auf unserem Hof befand sich eine Autowerkstatt. Herr Schwarz, der den Krach gehört hatte, kam heraus und rief: „Jungs, was macht ihr? Sind denn Juden keine Menschen?“ Und die Jungs schrieen: „Nee, Juden sind keine Menschen!“

Unter seinem Schutz gelangte ich ins Haus, aber da waren wir gefangen, meine Mutter und ich, weil sie die seitliche Eingangstür mit Steinen beschossen. Unentwegt, bis es dunkel wurde. Wir wagten nicht, das Licht anzumachen. Ich schlich mich zur Tür, wo ich die Seite des Hotels sehen konnte, dort am Gang war ein kleines Fenster, und tatsächlich, da standen ein oder zwei und zielten auf unsere Tür, falls sich dort etwas rührte.

Es wurde immer später. Wir hatten ein Telefon, aber da musste man über den Hof laufen, nach hinten, in die Reinigung, die uns gehörte, also meinem Großvater. Gegen halb elf, im Schutze der Dunkelheit, gelangten wir hin und konnten Bekannte anrufen, Lichtmann hießen sie. Schließlich, es muss schon nach elf gewesen sein, so dass die Jungs endlich schlafen gegangen waren, kam der Großvater und nahm uns mit. Wir haben dann bei Lichtmanns übernachtet.

Autorin: Marianna Feldbauer

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