Kriegsende und die Angst (1945)

Natürlich erinnere ich mich nicht an das Ende des Krieges. Ich war ja auch erst drei Jahre alt. Aber mir ist in Erinnerung geblieben, was meine Eltern erzählt haben. Und das waren zwei Dinge: Angst vor den Russen und Erleichterung, den Russen selbst nicht in die Hände gefallen zu sein.

Als wir im Februar 1945 bei den schwersten Angriffen auf Berlin ausgebombt wurden, saß ich mit meiner Mutter und meiner Großmutter im Keller. Ich habe ein Bild vom Luftschutz-Keller vor Augen – aber ob das Erinnerung ist oder Zurechterinnertes, kann ich heute nicht mehr feststellen. Zwei Tage später saß meine Mutter mit mir im Zug nach Hamburg, mit der behördlichen Genehmigung zur Ausreise. Sie wollte weg aus Berlin, sie wollte ihre Eltern mithaben, aber mein Großvater hatte die Verantwortung, für seine Firma da sein zu müssen, auch im Untergang.

Meine Mutter hatte Angst vor den Russen, das hat sie oft erzählt. Sie hatte Angst vor einer Vergewaltigung, denn in Ostpreußen hätten doch die Russen alle Frauen vergewaltigt und dann umgebracht. Das hatte sie von Frauen gehört oder die hatten es wiederum von anderen gehört, die aus Ostpreußen geflüchtet waren. Und die Russen hätten alles niedergebrannt. Und es waren die „Mongolen“, vor denen sie am meisten Angst hatte, diesen Asiaten, „die ja alle vom Lande waren und keine Kultur hatten“. Sie hat oft erzählt, was sie dann zwei Jahre später, als sie zum ersten Mal wieder in Berlin war, alles selbst gehört hatte, vor allem von den „Mongolen“: Die hätten sich im Klo gewaschen, weil sie so etwas noch nie gesehen hatten. Die hätten die Wasserhähne aus der Wand gerissen, weil sie auch „Wasser aus Wand“ haben wollten, wenn sie wieder zurück in Russland wären. Die hätten meiner Großmutter fast den Finger abgerissen, weil die ihren Ehering nicht abbekam, „der Iwan“ den aber haben wollte. Überhaupt: „Der Iwan“, „Mongolen“, „die Russen“. Andererseits, die Schwägerin meiner Mutter entging der Vergewaltigung auf dem Dachboden nur, weil sie ihr einjähriges Kind wie einen Schutzschild vor sich hielt – und „kinderlieb waren diese Russen ja.“

Angst vor Willkür, vor Morden, vor Vergewaltigung, vor dem Verschwinden oder Töten ihres Kindes, das war es, was meine Mutter weg von Berlin trieb. Und ich selbst – ich habe vor wenigen Jahren mit Schrecken sowjetische Filmaufnahmen vom April 1945 gesehen, wie nur 50 Meter von unserem Haus in Berlin entfernt sich die russischen Panzer auf der Frankfurter Allee ins Zentrum von Berlin vorwärts schossen, mit Granaten und aus Panzerrohren, mit Feuer und Gewehren und Explosionen und mit toten Menschen, vielleicht Menschen, die zwei Monate vorher noch meine Nachbarn gewesen waren. Wäre ich da noch im Keller gewesen, hätte ich solch ein Inferno  bestimmt nicht vergessen können, wenn ich es denn überlebt hätte.

Oder ich denke an meinen Besuch 2005 bei einer früheren Nachbarin meiner anderen Berliner Großmutter in West-Berlin, fast 90. Sie erzählte mir von den Russen im April 1945 in Steglitz. Sie erzählte mir, wie die Frauen sich auf dem  Dachboden und im Keller versteckt hatten, und die Russen sie trotzdem vergewaltigt hätten, einer nach dem anderen. Wie sie ins nahe Krankenhaus gelaufen sind, nach Hause kamen, und von den nächsten Russen von neuem vergewaltigt wurden. Tagelang. Ich habe mich nicht getraut zu fragen, ob ihr das passiert ist und meiner Großmutter auch. Zu nahe war diese Erinnerung bei dieser Frau. Und wenn sie schon mir, einem Fremden, dieses erzählte! Ich wollte nicht mehr von ihr wissen, als sie es selbst von sich aus erzählte.

Und mein Vater hat nie viel erzählt vom Krieg. Es gelang ihm, aus dem von Russen belagerten Wien herauszukommen und in amerikanische Gefangenschaft zu geraten. Das war seine größte Erleichterung am Ende des Krieges. Nur nicht nach Sibirien!

Und die größte Angst meiner Mutter, nachdem der Krieg aus war: Sie hörte nichts mehr von ihrem Mann und sie hörte nichts mehr von ihren Eltern in Berlin. Nach Berlin gab es keinen Kontakt, nichts war zu erfahren, über viele Monate hinweg. Diese Ungewissheit rieb sie auf. Lebten sie? Wie war es ihnen ergangen? Wo lebten sie? Da war das Gefühl, dass der Krieg aus war, nur ein Gefühl unter vielen. Die Angst ging weiter, nur war es nicht mehr die Angst vor dem eigenen Tod. Es war die Angst vor der Zukunft und vor dem Tod aller Menschen, die man liebte. Auf die Lösung musste sie noch Monate warten. Für sie ging das Warten gut aus, für manche anderen Menschen nur mit einer traurigen Gewissheit.

Autor: Carsten Stern

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