„Betteln verboten!“ (1936, 1938, 1945, 1947)

1936. In den dreißiger und vierziger Jahren hing in vielen Hausfluren und Tordurchgängen ein Schild: BETTELN UND HAUSIEREN VERBOTEN!

Ich erinnere mich an einen kalten Wintermorgen. Ich hatte meine Oma besucht und bei ihr geschlafen. Als es an der Haustür klingelte, rannte ich hin, weil ich glaubte, meine Mutter käme mich abholen. Doch als ich öffnete, erblickte ich eine ältere, mollige Frau, an der Hand ein Mädchen, kaum älter als ich. Ich ging noch nicht zur Schule. Sofort waren die zwei in der Veranda, beide barfuß auf den Steinfliesen, und das bei der Kälte! Das Mädchen tat mir leid, doch die Alte griff schnell nach meiner linken Hand und blickte hinein. „Gute Hand“, murmelte sie. „Langes Leben.“

In diesem Moment kam meine Großmutter in die Veranda. „Lassen Sie sofort den Jungen los! Raus hier, raus!“ Ich begriff das nicht. „Aber das kleine Mädchen, Oma!“ Sie erklärte es mir. „Das sind Zigeuner, weißt du? Wenn man denen etwas gibt, kommen sie immer wieder. Und sie klauen! Bei Frau Müller nebenan, die kennst du ja, da waren sie auch, und nachher fehlte deren Portemonnaie.“ (Übrigens: Rosa hieß die ältere Zigeunerin, wie ich Jahrzehnte später erfuhr. Sie wurde von den Nazis umgebracht, und die Kleine auch. Aber das ist eine andere Geschichte.)

1938. wurde ich Zeuge eines Gesprächs. „Keine Ahnung, wo das noch hinführen soll. Aber er hat wenigstens die Bettler von der Straße geholt.“ Er, das war Hitler, unser Führer und Reichskanzler. Wohin die Bettler gekommen waren, danach fragte keiner. Ich war erst sieben oder acht, und „wo das noch hinführen soll“ – was damit gemeint war, das wusste ich auch nicht.

1945. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich selbst einmal betteln würde! Doch in den ersten Nachkriegswochen, die wir vierzehnjährigen Harburger noch in der Kinder-Land-Verschickung in Bayern verbringen mussten, war es einerseits Hunger, der uns an die Türen der Bauern klopfen ließ, andererseits war es für uns eine Art Sport: Wer ergatterte wo, was und wie viel?

1947. Hunger kennt keinen Stolz. Als ich im Sommer des zweiten Nachkriegsjahres erfuhr, dass an einem bestimmten Tag in der Woche, morgens um 4 Uhr 30, ein Zug mit britischen Soldaten in den Harburger Bahnhof einfuhr und die Soldaten geschmierte Stullen aus dem Fenster werfen würden, bin ich mit meiner Mutter hingegangen. Tatsächlich haben wir ein Lunchpaket erwischt!

Ich weiß nicht, wer sich mehr geschämt hat, dies vom Bahnsteig aufzusammeln, meine Mutter oder ich.

Auf dem Weg nach Hause aber liefen wir einer Polizeistreife in die Arme. Wir wurden gefragt, was wir um diese Zeit auf der Straße zu suchen hätten und ob wir nicht wüssten, dass Ausgangssperre sei. Das Brot wurde beschlagnahmt, und es folgten eine Anzeige und eine Geldstrafe. Aber was war damals schon Geld gegen das verlorene Brot! Ich sehe es noch vor mir: Weißbrot, dick mit Butter beschmiert und mit Käse belegt…

Autor: Claus Günther

Schreibe einen Kommentar