Parteienwerbung an der Haustür (1938)

Meine Mutter und ich wohnten seit dem Frühjahr 1938 in Altona. Ich war l5 Jahre alt und ging noch zur Schule. Meine Mutter arbeitete im Finanzamt. Sie war die Tochter eines von den Nazis ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel gebrachten Sozialdemokraten und hatte deshalb eine tiefe Abneigung gegen die NS-Partei. Dieser Hintergrund war mir damals aber nicht bekannt. Auch in unserer neuen Umgebung wussten davon nur wenige.

Eines Nachmittags stand Frau Schmidt aus dem Nebenhaus vor unserer Tür mit einem freundlichen Lächeln und einem Formular in der Hand. Mami war noch im Dienst, aber Frau Schmidt fand das gar nicht schlimm. Sie wollte nur das Formular ausgefüllt und unterschrieben haben, das könnte ich ja für meine Mutter erledigen. Es war ein Aufnahmeantrag in die NS-Frauenschaft.

Ich fand das toll, dass man meine Mutter dort aufnehmen wollte. Ich  wäre doch auch so gern in den BDM (Bund Deutscher Mädchen) gegangen! Das hatte meine Mutter jedoch immer verhindert.

Ich füllte nun das Formular mit den Daten meiner Mutter aus und unterschrieb mit ihrem Namen. Frau Schmidt entschwand schnell und freudig mit dem Original und ließ die Kopie zurück.

Um fünf Uhr nachmittags kam meine Mutter heim, und ich zeigte ihr beglückt die Kopie des Aufnahmeantrags. Meine Mutter starrte auf das Formular und auf ihre, bzw. meine Unterschrift.

Und dann ging das Donnerwetter los! Nun lernte ich – zum Glück im engsten Familienkreis –, dass man niemals die Unterschrift eines anderen benutzen darf, dass dies strafbar ist. Mami nahm die Kopie und mich bei der Hand und rannte mit mir ins Nachbarhaus zu Frau Schmidt.

Die hatte das Original glücklicherweise noch im Hause. Nachdem sie eine geharnischte Belehrung über gefälschte Unterschriften schlucken musste, gab sie es wortlos zurück.

Zuhause zerriss meine Mutter das Formular und ermahnte mich, hieraus eine Lehre zu ziehen. Meine Mutter schaffte es, bis zum Kriegsende in keine Organisation einzutreten, obgleich sie im Finanzamt oftmals dazu aufgefordert wurde. Die Quittung dafür war jedoch, dass sie jedes Mal zur Post dienstverpflichtet wurde, wenn man von dort Personal vom Finanzamt anforderte, meist zum Briefe sortieren.

1946 wurde im Finanzamt Steinstraße, Hamburg, die Entnazifizierung durchgeführt. Meine Mutter ging frisch und frei in das Büro des britischen Offiziers, der die Vorgeladenen vernahm. Die erste Frage lautete: „Waren Sie in einer nationalsozialistischen Organisation?“ Sie konnte es guten Gewissens verneinen.

Der Offizier blätterte in ihrer Akte, stutzte und sagte: „Aber Sie waren ja in der Deutschen Arbeitsfront!“ Meine Mutter fiel aus allen Wolken, ließ sich die Akte zeigen – und richtig – da war ein Aufnahmeformular mit einer eindeutig gefälschten Unterschrift. Ein Kollege hatte ihr damit ohne ihr Wissen eine goldene Brückebauen wollen. Natürlich verzichtete sie auf eine Untersuchung und Anzeige, denn dies war ein Freundschaftsdienst. Sie wurde als ,,unbelastet“ eingestuft.

Autorin: Lore Bünger

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