Erinnerungen an die Bücherverbrennung (10.05.1933) und die Pogromnacht (09.11.1938)

Meine Erinnerungen an die Bücherverbrennung 1933 und an die „Reichskristallnacht“ 1938 zeigen erschreckend, wie ich zwischen beiden Ereignissen durch Internat und Hitlerjugend politisch beeinflusst wurde. Am 10. Mai 1933, ich war 12 Jahre alt, sollten auch die Einwohner Schwerins abends am Pfaffenteich der öffentlichen Verbrennung „artfremdem“ und den Nazis nicht genehmem Schrifttums beiwohnen. Das galt sogar für wissenschaftliche Werke. Mit Reden und dummen Sprüchen warfen braun uniformierte Nazis Buch für Buch in den hell lodernden nächtlichen Scheiterhaufen. Es war aber so viel Schriftgut konfisziert und gesammelt, dass am Ende selbst den Nazis die Worte ausgingen und Bücher jetzt stapelweise in den glühenden Scheiterhaufen flogen. Bücher brannten an diesem Abend überall in Deutschland.

An diesem schönen Maiabend flanierten wir bald vom Feuer entfernt am Ufer des Pfaffenteichs entlang und ließen die Nazis unter sich. Ich erinnere noch meine Gedanken: Wenn die Bücher jetzt sprechen könnten. Ich regte sogar bei meinen begleitenden Verwandten eine Diskussion an: Warum kluge Gedanken verdammt würden; dass verschiedene Menschen auch unterschiedliche Ansichten und Vorlieben hätten und es ihnen doch erlaubt sein müsste, diese zu äußern – Der braune Ungeist vom 30. Januar 1933 hatte mich noch nicht voll erfasst.

Fünf Jahre später. Vier Jahre intensiver NS-Erziehung im Internat lagen hinter mir. Es kam die Pogrom- oder auch „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938. Nach dem Mord des Juden Grynszpan an dem deutschen Botschaftssekretär von Rath in Paris machte Goebbels sofort seine unglaublichen Drohungen in ganz Deutschland wahr. Schon morgens auf dem Weg zur Arbeit wunderte ich mich über das eingeschlagene Schaufenster eines Tabakhändlers. Abends sah ich mit Arbeitskollegen und vielen Neugierigen zerstörte und geplünderte Geschäfte jüdischer Mitbürger in der Innenstadt Schwerins. Hauptamtliche NS-Einheiten, hieß es, hätten sich in Zivil befehlsgemäß ausgetobt. In Schwerin soll es die kasernierte SA-Standarte „Germania“ aus Wismar gewesen sein. Auch die Schweriner Synagoge brannte.

Meine Gedanken 1938? Mit den Betroffenen hatte ich Mitleid, aber im Vergleich zu der damaligen Bücherverbrennung nur sehr bedingt. Bei mir tat die „Gehirnwäsche“ in der HJ und im Internat das ihre. Hatten die Nazis uns Jugendlichen nicht seit 1933 eingetrichtert, wir Deutschen seien bessere Menschen und die anderen unser Unglück? Und es gab ja noch kein Fernsehen, erst wenige Rundfunkgeräte, nur zensierte Zeitungen. Die Partei diktierte und hatte alles im Griff.

Lange nach Kriegsende haben mich diese Jahre noch bewegt. Zur Aufarbeitung solcher Fragen und als Warnung an die jetzige Generation halte ich Schulbesuche der Zeitzeugen für unentbehrlich, dabei auch die Aussagen von Betroffenen und Geschädigten. Aber wir, die diese unverständlichen Gegensätze mit ihren furchtbaren Folgen selbst erlebten und weitergeben können, sind nur noch ein kleiner Kreis.

Autor: Karl-August Scholtz

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