Das „Dritte Reich“ machte uns arm und ärmer (1933-1937)

1931 hatten meine Eltern ihr Genossenschaftsguthaben so weit angespart, dass wir nach Barmbek-Nord in eine moderne 2 1/2 –Zimmer-Wohnung umziehen konnten – mit Etagenheizung und fortschrittlich eingerichtetem Waschhaus. Mein fünfjähriger Bruder und ich, gerade ein Jahr alt, bekamen ein eigenes Zimmer und unseren Spielplatz gleich im Hof des Wohnblocks.

Unser leider nur kurzes Glück endete abrupt mit der Machtergreifung durch die NSDAP. Der Verkündung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums im April 1933 folgte für meinen Vater die fristlose Entlassung. Als engagierter Sozialdemokrat hatte er sich gegen die heraufziehende Diktatur vergeblich zur Wehr gesetzt.

Zwar besserte mein Vater seine Arbeitslosenunterstützung als „Kegeljunge“ auf (es gab damals noch keine „vollautomatischen“ Kegelbahnen), doch für die höhere Wohnungsmiete reichte es trotzdem nicht. Selbst eine genossenschaftliche 2-Zimmer-Wohnung wäre zu teuer gewesen. Dennoch konnten wir in eine nur 2 Treppenhäuser weiter liegende 2-Zimmer-Wohnung umziehen,welche uns die Baugenossenschaft verbilligt überließ. Die Außenwände der nach Nordost liegenden Eckwohnung hatten aber nicht nur feuchte, sondern im Winter mit Eisblumen bedeckte Wände.

1936 wurde mein Bruder für den Besuch des Gymnasiums vorgeschlagen. Aber wie hätte das Schulgeld aufgebracht werden können? So besuchte er schließlich den Oberbau, wie auch ich später.

1937 hatte mein Vater eine einjährige KZ-Haft zu verbüßen, doch fand er im Herbst 1938 wieder Arbeit, wenn auch nur als Aushilfsangestellter. Der Grund: Als Folge des zunehmenden Wehr- und Reichsarbeitsdienstes wurden Arbeitskräfte immer rarer, so dass die politische Überzeugung meines Vaters nun kein Hinderungsgrund mehr war.

„Aber arme Leute sind wir nicht“, stellte mein Bruder eines Tages fest. Wir waren nämlich stets ordentlich gekleidet. Das war den Nähkünsten meiner Mutter zu verdanken, die aus abgelegten und uns überlassenen Kleidungsstücken immer wieder kleine Wunder zauberte.

Was uns während des „Dritten Reiches“ trotz aller Diskriminierung verblieben war, wurde schließlich während der Bombennächte 1943 ein Raub der Flammen.

Autor: Dr. Reinhold Bengelsdorf

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