Deutsche Soldaten und das ostpreußische Flüchtlingselend (1945)

Am 12. Januar 1945 begann die groß angelegte russische Offensive an der gesamten Ostfront, und auch in Ostpreußen drang die Rote Armee bei großer Kälte schon in den ersten Tagen tief ins deutsche Hinterland ein. Aber wir einfachen Soldaten erfuhren von dem gewaltigen Ausmaß, wenn überhaupt, nur bruchstückweise.

So waren wir am 23. Januar bei Eis und Schnee in einer langen Wehrmachtkolonne mit unseren Funkwagen unterwegs zum Einsatz nach Königsberg, vorbei an vielen Flüchtlingstrecks. Wer ahnte schon, dass zwei schon länger direkt hinter unserem Funkwagen fahrende Panzer ohne Nationalitätszeichen zur Roten Armee gehörten, aber mit einer deutsch sprechenden Besatzung (!) in neutralen Schneehemden. Als wir durch das westpreußische Elbing kamen, eröffneten diese Panzer plötzlich das Feuer, schossen unsere Funkwagen in Brand und versprengten unsere Kompanie, während tausende Flüchtlinge fassungslos und ohne Deckung auf der Straße standen.

Sieben unserer Leute konnte der Kompanieführer hinter einem Haus um sich sammeln. Für solche Unvorgesehenheiten hatte er den Befehl, in Danzig neue Fahrzeuge und Einsatzbefehle entgegenzunehmen. Beide Panzer wurden von deutschen Soldaten außer Gefecht gesetzt, und wir begannen nun einen Fußmarsch Richtung Danzig.

Nach wenigen Kilometern begegneten wir auf freier Fläche im hohen Schnee kleinen, noch nicht schulpflichtigen Kindern mit ihren Müttern und Betreuungspersonal sowie einem alten, unbeholfenen Ehepaar. Sie erzählten, dass sie mit dem Treck ihres Dorfes unterwegs waren, der wegen Sichtkontakts mit russischen Truppen in panische Flucht geriet. Die Schlitten mit den Kindern und ihren Begleiterinnen am Ende des Trecks stürzten um, die Pferde waren durchgegangen! Nun auf sich allein gestellt, wollten sie trotz der Kälte und des hohen Schnees versuchen, zu Fuß mit den Kleinen ihr gemeinsames Ziel zu erreichen. Das war auch Danzig und traf sich anscheinend gut.

Unsere Gruppe nahm sich des Gepäcks (vorwiegend Verpflegung) und der Kinder an. Ich stützte rechts den alten Herrn und schleppte mit der linken Hand seine schweren Koffer Seine neben ihm gehende Frau sagte mir, dass ich einen Blinden führe und auch seine unentbehrliche Schreibmaschine trüge. Wir kamen ins Gespräch. Es war ein sehr sympathisches Ehepaar. Doch die beiden kamen im tiefen Schnee nur langsam voran, selbst die kleinen Kinder waren schneller.

Abends erreichten wir den kleinen Ort Wolfsdorf am Flüsschen Nogat (einem Mündungsarm der Weichsel). Offensichtlich war das Dorf gerade Hals über Kopf von seinen Bewohnern verlassen worden. Für die Nacht bezogen wir Quartier um die dortige Meierei herum. An Verpflegung für uns alle mangelte es nicht. Hundemüde fielen wir in weiche Betten. Mein altes Ehepaar, mit dem ich inzwischen sehr guten und herzlichen Kontakt hatte, wurde etwas abseits eingewiesen. Auf Wunsch versprach ich ihnen in die Hand, sie beide morgen zu wecken, falls sie verschlafen sollten. Nachts waren wir Soldaten natürlich zur Wache eingeteilt, aber es blieb ruhig.

Am Morgen wurden wir früh geweckt und mussten uns sofort zum Weitermarsch fertig machen. Nicht erst lange mit Frühstück aufhalten, nein, Milch für alle fanden wir in den Kannen, Brotlaibe lagen in den Küchen, und ich meldete mich ab, nach meinen beiden Alten zu sehen. Ich war ihnen gegenüber ja im Wort. „Den Blinden mit seiner Frau? Die nehmen wir nicht mit“, befahl der Kompaniechef, „die schaffen es nicht bis Danzig.“ Auch Eltern und Begleiterinnen der Kinder akzeptierten nach und nach mehrheitlich die Meinung des Kompaniechefs, der sofort den Befehl zum Aufbruch gab. Jeden Moment konnten ja Soldaten der Roten Armee auftauchen.

Nach einer guten Stunde durch den Schnee gestampft, sahen wir linker Hand eine Kolonne rasten. Freund? … Feind? … Durch Ferngläser wurde das Unglaubliche erkannt: Der Dorftreck unserer Schützlinge! Der hinterlassene Blinde und seine Frau spielten trotz der hilflosen Lage keine Rolle mehr – vergessen. Dagegen gab es für die Flüchtenden ein glückliches Wiedersehen, und wir nahmen Abschied. Meine beiden Alten hätten diese Marschstunde gewiss auch noch geschafft, aber niemand konnte voraussehen, dass es so kommen würde.

Übrigens, am 27. Januar meldeten wir uns in Danzig auf der Kommandantur. Neuer Einsatz, das Vergangene zählte nicht mehr.

Von 1941 bis 1944 war ich an der Ostfront bei der Infanterie, aber vom menschlichen Einzelschicksal hat sich wohl kaum eine Begebenheit so nachhaltig bei mir eingeprägt wie diese in der Funkereinheit 1945. Zeitweise spüre ich noch jetzt nach 60 Jahren förmlich die beiden Alten frierend und fassungslos in ihrem Wolfsdorfer Quartier auf mich warten. Auch das war der Krieg.

Autor: Karl August Scholtz

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