Todesstiefel (1944)

Wenn du 13 bist, wächst du schnell aus allem heraus. Als Junge verschleißt du besonders viel Zeug, vor allem Schuhe. Die Sohlen halten nicht lange, vorn stößt du mit den Zehen an, und bei Schnürstiefeln brechen schließlich sogar die Haken aus Metall, um die das Schuhband geschlungen wird. Dieses Schnürband aber reißt zuerst, denn es ist nicht aus Textilfasern, sondern aus Papier – etwas anderes gab es nicht, damals, 1944.

Der Krieg kam ins sechste Jahr. Wir evakuierten Schüler hatten es verhältnismäßig gut, fernab von zu Hause. Es gab noch keine Bombenangriffe auf Tschechien, und satt wurden wir auch, im KLV-Lager Mährisch-Weißkirchen. Bald aber stand der Winter vor der Tür, und meine Stiefel waren undicht. Zu eng waren sie schon lange.

Eines Tages hieß es, ich solle mich in einem nahe gelegenen Gebäude melden, da würde ich Stiefel bekommen. Ohne Bezugschein? Ja. Erwartungsvoll machte ich mich auf den Weg, meldete mich an Ort und Stelle bei der HJ-Führung und wurde in den ersten Stock beordert. Da gab es einen großen Raum – fast wie ein Saal – , dessen Fußboden war über und über mit Schuhen und Stiefeln bedeckt, lauter Schuhzeug von Kindern und Jugendlichen. Welch eine Auswahl! Ich durfte mir ein passendes Paar aussuchen, es anziehen und gleich anbehalten.

Ich wählte ein Paar winterfeste Schnürstiefel, die sahen aus wie neu. Was kosten die? Nichts? Gar nichts? Nein. Welch ein Glücksfall! Meine alten Treter konnte ich dalassen.

In meiner Freude vergaß ich zu fragen, woher denn wohl all diese Schuhe und Stiefel stammen mochten. Es war gutes Schuhzeug, wenngleich getragen. Ich überlegte. Waren Kinder da herausgewachsen? Aber dann hätten die Eltern das doch eintauschen können, gegen Butter zum Beispiel. Oder stammten all diese Schuhe von Kindern unserer Feinde? Ging es denen denn so gut, womöglich sogar besser als uns, dass sie solche wertvollen Sachen einfach wegwarfen? Oder war es so genannte Beuteware, zurückgelassen von Menschen, die geflüchtet waren? 

Auf einmal fiel mir Uwe ein, mein Klassenkamerad Uwe, der zu Hause, in Harburg, bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen war. Also gab es, fern von der Heimat, offenbar auch Opfer von Bombardements, besonders viele Opfer unter Kindern und Jugendlichen! Das schien mir plausibel, und auch, dass niemand darüber sprach. Ich trug also die Stiefel eines toten Jungen, eines Gleichaltrigen vermutlich. Mich schauderte, aber das war der Krieg, und Großdeutschland gehörte der Sieg, der Endsieg, so hieß es doch immer. Ich stand stramm in seinen-meinen guten Stiefeln, und ich rief: Heil Hitler, Sieg Heil!

Erst heute, sechs Jahrzehnte später, wage ich den Gedanken zuzulassen, dass meine-seine Totenstiefel mit großer Wahrscheinlichkeit einem ermordeten Jungen gehört haben –  umgebracht von willfährigen Bütteln des NS-Regimes in einem der Konzentrationslager. Habe ich das damals gewusst? Nein. Ich habe es nicht einmal geahnt! Es hätte meine Vorstellungskraft überstiegen. Ich hatte diese Stiefel geschenkt bekommen. Seine Stiefel. Die Stiefel eines toten Jungen. Ich habe mich gefreut und sie getragen, ohne allzu viel über deren Herkunft nachzudenken. Heute weiß ich mehr darüber. Es erfüllt ich mit Wehmut und Trauer, und ich schäme mich – auch für die Täter.

Sie waren Deutsche, wie ich.

Autor: Claus Günther

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