Vom Hintern wischen bis „Telewischen“ (1945-1967)

1945. Nach dem Ende des Krieges erlebten wir die so genannte „schlechte Zeit“, in der viele Deutsche gehungert und gefroren haben – so wie wir.

Aber auch nach gedruckten Informationen haben wir gehungert! Doch Papier war denkbar knapp, die Kontingente teilte die Besatzungsmacht zu, eine Zeitung bestand daher lange Zeit hindurch nur aus vier Seiten. Die wurden nicht nur bis zur letzten Zeile gelesen, sondern oft musste man sich entscheiden: Verwende ich die Zeitung zum Anzünden des Kohle-Ofens, oder wische ich mir damit den Hintern ab!

Begehrt und sicher auch quergelesen wurde selbst die „Hamburger Volkszeitung“, das Parteiorgan der KPD – zum Verbrennen oder für hinterlistige Zwecke war schließlich auch sie geeignet. Der Zarah-Leander-Schlager „Der Wind hat mir ein Lied erzählt“ lautete, parodiert: „Der Wind pfeift durch die Lokustür, und eine Stimme schreit: Papier!“

Axel Springer aber, 33, der nie in der NSDAP gewesen war, plante 1945 zusammen mit John Jahr senior und Max Schmeling (!) bereits den Einstieg ins Verlagsgeschäft und erhielt am 11. Dezember die Lizenz von der britischen Besatzungsmacht (Chief-Controller: Hugh Greene).

1946. Die HÖRZU, damals noch Hör zu geschrieben, erscheint als erste deutsche Radio-Programmzeitschrift. Auflage: 250.000 Exemplare (heutige Auflage: 1,4 Millionen), 12 Seiten, gedruckt in blassem Tiefdruckbraun, Preis 0,30 Reichsmark.

Ich erinnere mich gern an große Serien, zum Beispiel: „Wo sie blieben, was sie  trieben“ und „Wie sie wurden, was sie sind“ – beide behandelten das Leben und Wirken großer Film- und Theater-Stars (das Fernsehen kam ja erst später). Aber auch der Redaktions-Igel „Mecki“ war und ist mir natürlich ein Begriff.

Die bekannteste Roman-Folge (später auch verfilmt) war sicherlich „Suchkind 312“ von Hans-Ulrich Horster (eigentlich Eduard Rhein). In den siebziger Jahren war ich zeitweise sogar so etwas wie „Freier Mitarbeiter“ der HÖRZU, mit regelmäßigen kleinen Beiträgen auf der Seite 3, die das Motto trug: „Das fängt ja gut an.“ Es waren zumeist Ulk-Sprüche wie etwa: „Wer dreimal, lügt“ oder „Bist du topfit und wirst vertrimmt, dann hat die Fitness nicht gestimmt.“ Das brachte immer ein kleines Honorar.

1948. Im März 1948, noch vor der Währungsreform, erscheint das erste Heft der Frauenzeitschrift Constanze, 24-seitig, Auch dies war noch ein Wagnis!

Noch immer gab es beispielsweise „Birkel Nudeln“ nur lose, und wer eine Packung „Camelia“ kaufen wollte, sollte bitte die gebrauchte Schachtel mitbringen und abgeben – so stand es in den Zeitungs-Anzeigen.

Die Constanze aber entwickelt sich schnell weiter und ist in den fünfziger Jahren die beliebteste und meistverkaufte Frauenzeitschrift. Dezember 1951: Das Titelbild und vier Innenseiten sind 4-farbig. 1963, 15 Jahre nach der ersten Ausgabe, ist das Jubiläumsheft 132 Seiten stark, davon 35 Seiten im Vierfarbdruck, die Auflage beträgt 735.000 Exemplare, mehr als 10-mal so viel wie zu Anfang. 1969 aber „geht Constanze in Brigitte auf“, hat jemand wohlmeinend formuliert. Der tatsächliche Grund: Die Constanze erschien 14-tägig und kostete 70 Pfennige. Weil aber das Blatt so erfolgreich war, wurde umgestellt auf wöchentliches Erscheinen. Und das – war den Käufern zu teuer! Woher ich das weiß? Ich war seinerzeit beim Constanze-Verlag angestellt.

Das eigentliche Zeitschriften-Sterben begann bereits 1966, als „Kristall“ zum letzten Mal erschien. 1992 folgte „Quick“, 2008 traf es „Revue“ („Neue Revue“) und „Max“, 2010 die Comic-Reihe „Fix und Foxi“, und 2011 „Allegra“, um nur einige zu nennen.

1949. Am 14. August 1949 fanden die Wahlen zum 1. Deutschen Bundestag statt. Als ich Anfang August am Jungfernstieg entlang ging, fuhr dort ein kleiner Lkw vorbei. Auf dem Dach war ein Lautsprecher montiert, aus dem es dröhnte: „Hein und Fietje, ich und du, wir alle wählen C-D-U!“ Von wegen!, dachte ich, doch es nützte nichts: Ich war 18 Jahre alt, und wahlberechtigt war man damals erst mit 21.

1952. Die erste BILD erscheint und kostet – 10 Pfennige.

1953/1938. Ich meine, zum Volksaufstand in der DDR habe es am 17. Juni in Harburg ein Extrablatt gegeben, doch ich bin mir nicht sicher.

Das letzte Extrablatt, an das ich mich erinnere, gab es am 12. März 1938 anlässlich der Annektierung Österreichs durch Hitler, damals „Anschluss“ genannt. In heutiger Zeit hätte, dank Fernsehen, Internet, Handy, Facebook und Twitter, ein Extrablatt wohl kaum noch eine Chance – höchstens als regionale Ausgabe.

1962. „Eine Zensur findet nicht statt“, heißt es im Grundgesetz. Für mich war und ist dieser freiheitliche Satz außerordentlich wichtig.

Bei Beginn der so genannten SPIEGEL-Affäre kaufte ich das Magazin und behielt es demonstrativ in der Hand, um Solidarität zu zeigen. Als Augstein auf Initiative von Strauß verhaftet wurde und Adenauer sich im Bundestag empörte: „Ich glaube, wir haben einen Abgrund von Landesverrat im Lande!“, wagte ich von Anfang an die Prognose: „Das kostet Strauß den Kopf!“ Nun, zumindest kostete es ihn das Amt, wenngleich er mit militärischen Ehren (!) verabschiedet wurde.

Dass eine Zensur dennoch möglich und heute leider üblich ist in dem

Sinne: „Das können Sie nicht schreiben! Wollen Sie unseren besten Anzeigenkunden vergraulen?“ – das hätte ich damals nicht für möglich gehalten.

1963. Bislang gab es hier nur ein einziges Fernsehprogramm (seit 1954). Vom 1. April 1963 an sendet jetzt das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) regelmäßig.

Apropos ZDF: Heutzutage, wo selbst manche U-Bahn-Stationen deutsch und englisch angesagt werden, muss man sich fast wundern, dass das ZDF nicht SGT heißt: „Second German Television“. Die anderen Sender würden dann sicher nachziehen … (So viel zum Stichwort „Telewischen“.)

1967/1969. Ende August startet das Farbfernsehen in der Bundesrepublik (DDR: ab Oktober 1969). Vorerst gibt es nur wenige Sendungen, in erster Linie Sport-Ereignisse, die farbig ausgestrahlt werden, und das wird vorher extra angesagt!

Die kurioseste Ankündigung betrifft die weißen Lottokugeln in der transparenten Trommel. Sie lautet: „Meine Damen und Herren, Sie sehen jetzt die Ziehung der Lottozahlen – in Farbe.“

Autor: Claus Günther

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