Zivilcourage am Kriegsende (1945)

Mein Ehemann Ingolf Wriedt, geboren in Hamburg am 09.05.1929, ausgebombt in Hamburg im Juli 1943, besucht die Schule in Lübeck bis zum Abschluss am 24. März 1944. Zu diesem Zeitpunkt ist er fast 15 Jahre alt.

Schon lange vorher hat er sich gewünscht, nach der Schule gleich eine Lehre bei der Hamburger Hochbahn AG zu beginnen. Dort arbeitete auch sein Vater als Meister bis zu seiner Einberufung zur Wehrmacht.

Seine Bewerbung wird aber leider abgelehnt. Weil Hamburg 1944 in Schutt und Asche liegt, stellt die Hochbahn AG keine Lehrlinge ein.

Dafür meldet sich der Reichsminister der Luftfahrt (General der Fliegerausbildung/A. T. A.), als Lehrherr und wirbt um ihn. Beide schließen einen Lehrvertrag ab. Ingolf kann ab 17. April 1944 eine fliegertechnische Lehre in der Luftfahrtindustrie bei den ASKONIA-Werken AG in Berlin-Friedenau, Kaiser-Allee 86/89, antreten. Er soll für Hitler Flugzeuge bauen und dabei zum Elektromechaniker ausgebildet werden! Ihm bleibt keine Wahl. Er nimmt den Lehrvertrag an und geht nach Berlin

Lange dauert seine fliegertechnische Ausbildung dort aber nicht. Bald werden die neuen Lehrlinge von ASKONIA in viel zu große Uniformen gesteckt. Sie durchlaufen eine kurze technische Waffenausbildung im Ausbildungslager V. der Flieger HJ (Hitlerjugend) in Berlin-Mariendorf, Prinzenstraße 34 bis 40. Sie lernen vor allem den Umgang mit der Panzerfaust.

Als HJ-Pimpfe schickt man sie von Berlin aus Ende 1944 als so genanntes „Kanonenfutter“, wie der Volksmund es später nennt, als Volkssturm an die Ostfront.

Ingolfs geliebter junger Onkel Paul Fritz findet es wunderbar, dass sein Neffe schon seit der Kinderlandverschickung der Hitlerjugend angehört.

Onkel Paul ist ein fanatischer Hitleranhänger und Soldat, bereit zu kämpfen und zu siegen, koste es was es wolle, oder dafür zu sterben! Onkel Paul Fritz kommt nicht aus dem Krieg zurück. Er fällt, 31-jährig, schon 1943 in Russland.

Die kurze Ausbildung dieser Jungen an der Panzerfaust in Berlin durch ihren Hauptmann ist nicht besonders hart, er hat die Sinnlosigkeit dieses Krieges schon lange erkannt.

So lehrt der erfahrene Hauptmann, der auch zusammen mit den „Jungs“ in den Krieg zieht, Ingolf und seine Lehrlingskollegen, lieber in Deckung zu gehen, als die Panzerfaust scharf zu machen und abzuziehen. Er will das Leben dieser jungen Menschen, die doch eigentlich noch Kinder sind, nicht unnötig aufs Spiel setzen. Die Ostfront ist bereits so weit nach Deutschland vorgerückt, dass er nicht mehr an einen Endsieg Hitlers glauben kann. Und das schon gar nicht mit seinen blutjungen, unerfahrenen „Männern“, die alle auch körperlich nur „halbe Portionen“ sind.

Wenn sie bei ihren Einsätzen in Bedrängnis geraten, zittern sie vor Angst, rufen nach der Mutter oder scheißen sich im wahrsten Sinne des Wortes in ihre viel zu großen Uniformhosen.

Bei der ersten besten Gelegenheit ergibt sich der couragierte Hauptmann mit „seinen Kindern“ und geht mit ihnen gemeinsam in russische Gefangenschaft. Dort feiert Ingolf seinen 16. Geburtstag am 9. Mai 1945.

Einen Tag vorher hat Deutschland kapituliert!

Der Hauptmann verlässt die Jungen nicht mehr. Immer weiter begleitet und beschützt er sie. In der russischen Gefangenschaft steht er wie ein guter Vater zu ihnen.

Bereits am 30. August 1945 wird Ingolf mit seinen jungen Kameraden von den Russen aus der Gefangenschaft entlassen. Über Briesen (Mark), Kreis Lebus (jetzige Postleitzahl 15518, so etwa bei Fürstenwalde an der Spree) kehrt er zu seinem Opa und seiner Mutter nach Bliesdorf bei Ratzeburg heim.

Ingolf kann nur Gutes über seinen tapferen Hauptmann, seinen Beschützer, erzählen. Ihm verdankt er sein Leben. Wenn Ingolf mir von ihm erzählt hat, sprach er immer nur von „unserem Hauptmann“ und erklärte: „Er ließ sich sicher absichtlich so anreden, damit ihn niemand anzeigen konnte!“

Autorin: Marianne Paula Wriedt

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