Politischer Flüchtling aus der DDR (1954)

Der Fluchtgrund: Ich wurde am 18.12.1953 von Angehörigen der DDR-Staatssicherheit dazu überredet, für sie tätig zu werden. Mir war klar, dass ich den Auftrag der Bespitzelung von Arbeitskollegen nie ausführen würde, und ich musste, nachdem ich die Stasi-Mitarbeiter nicht mit leeren Phrasen länger hinhalten konnte, am 25.2.1954 nach Westberlin flüchten.

Mit der S-Bahn und dem Bus fuhr ich zu dem damals allen Flüchtlingen bekannten Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde. Zu dieser Zeit kamen in 24 Stunden etwa 600 bis 900 Flüchtlinge aus Ostberlin und den Ländern der DDR dort an, um eine Notaufnahme zu beantragen.

Nach der ersten Registrierung bekam ich, wie alle Flüchtlinge, einen Laufzettel für das Notaufnahmeverfahren mit den Terminen und den Dienststellen, die von uns aufgesucht werden mussten. Von deren Beurteilung hing es letztendlich ab, die erwünschte und erhoffte Aufenthaltserlaubnis zu bekommen.

Zuerst aber wurde ich in ein Wohnlager im Bezirk Tiergarten eingewiesen. Ich erhielt einen Raum in einem alten Fabrikgebäude, den ich mit weiteren sieben Leidensgenossen teilen musste. Wir bekamen Bettzeug und wählten dann, unter den doppelstöckigen Schlafstätten, die aus, die uns zusagte. Ein Tisch, zehn Stühle und acht schmale Metallschränke vervollständigten die Einrichtung. Wir harrten nun der Dinge,  die auf uns zukommen sollten. Dies war dann zunächst einmal ein Eintopfessen und dann anschließend der Empfang kalter Verpflegung für das Abendessen. Dann gab es noch eine Anzahl Freifahrscheine für den Besuch der verschiedenen Dienststellen, die ja über das ganze Stadtgebiet verteilt waren. Ganz zum Schluss des ereignisreichen Tages erhielten wir noch die Ermahnung, untereinander keine persönlichen Dinge bezüglich unserer Flucht zu besprechen.

Man hatte die nächsten Tage reichlich zu tun, denn zu den Dienststellen waren zum Teil weite Wege zurückzulegen. Wartezeiten gab es überall. Was musste denn nun alles erledigt werden? Ich zähle es am besten einmal auf. Es mussten besucht werden:

– Der ärztliche Dienst, zur Feststellung des Gesundheitszustandes

– Eine Sichtungsstelle, zur Befragung zum Fluchtgrund

– Eine Zuständigkeitsprüfung, ob prominenter oder gewöhnlicher Flüchtling

– Der fürsorgliche Dienst zur Feststellung des Familienstandes

– Die Polizei zur Ausstellung eines Führungszeugnisses

– Die Vorprüfungen A und B zum Erhalt der Aufenthaltserlaubnis

– Die Terminstelle für das Aufnahmeverfahren

– Die Röntgenpraxis – für den Gesundheitsstatus

– Der Aufnahmeausschuss: Hier wurde man nochmals zur Flucht befragt und erhielt dann auf Grund der Vorprüfungen den Bescheid, ob man als politischer Flüchtling anerkannt worden war.

Wenn ja, wurde man als neuer Bürger der Bundesrepublik begrüßt! Ich wurde!

Der Aufnahmeausschuss kam zu der Überzeugung, dass der Antragsteller flüchten musste, um sich einer durch die politischen Verhältnisse bedingten besonderen Zwangslage zu entziehen und erteilte ihm die Notaufnahme im Sinne des Notaufnahmegesetzes.

Es waren insgesamt 13 Dienststellen zu durchlaufen. Da für viele wohl 13 ein schlechtes Omen bedeutet, durften einige, so auch ich, zwischendurch noch drei weitere – auf den Laufzettel schamhaft verschwiegene – Dienststellen besuchen. Es waren der amerikanische, der englische und der französische Geheimdienst, die zusätzlich ihre Auskünfte haben wollten.

Die Amerikaner konzentrierten sich hauptsächlich auf Angaben, die ich zum Staatssicherheitsdienst und den mir dort bekannten Personen machen konnte. Ich konnte, ich hatte mir früher schon hinreichend Notizen gemacht. Der Vernehmungsoffizier bestätigte mir, dass genau diese Personen schon bekannt waren und beobachtet wurden.

Die Engländer wollten alles über den Betrieb, in dem ich tätig war, und auch über die Zulieferbetriebe wissen. Das umfasste vor allen Dingen die Betriebseinrichtungen und die Produkte, die hergestellt wurden. Des Weiteren interessierte sie die Struktur der Firmen bezüglich der technischen Mitarbeiter und der dort tätigen Wissenschaftler.

Die Franzosen befragten mich in der Hauptsache über die politische Lage in der DDR, nebenbei auch über industrielle Einrichtungen. Das geschah aber ein wenig oberflächlich und ohne ein besonderes Interesse zu zeigen.

Endlich, am 20. März 1954, wurde ich, zusammen mit einigen anderen, von Berlin-Tempelhof nach Hamburg ausgeflogen. Ich, wie auch die anderen neuen Bundesbürger, hatte als Wunschziel das Land Nordrhein-Westfalen genannt. Aber die Lager dort waren belegt, und so kamen wir vorerst in das Ausweichlager Wentorf bei Hamburg, eine ehemalige Kaserne.

Nach der obligatorischen Registrierung wurde mir ein Raum zugewiesen, den ich mit neun Männern unterschiedlichen Alters teilen musste. Auch hier: spartanische Einrichtung. Zwei Betten übereinander, schmale Militärschränke, Stühle für jeden von uns und zwei größere Tische. Wir wählten einen Stubenältesten, der, wenn nötig, für Ordnung sorgen sollte und den Reinigungsdienst einteilte.

Eine im Nebenhaus angesiedelte Kantine sorgte für unser leibliches Wohl und ein dort installierter Plattenspielautomat auch fürs Gemüt. In einem Kiosk konnten Genussmittel wie Zigaretten, Alkohol und Schokolade, aber auch Toilettenartikel erworben werden, so man Geld hatte. Daran aber mangelte es noch.

Der nächste Tag brachte Abhilfe. In der Zweigstelle des Arbeitsamtes wurden wir als Arbeitslose registriert und erhielten unsere erste Arbeitslosenunterstützung, allerdings geschmälert durch einen Abzug für Kost und Logis. Was sollte es, wir waren ja sehr bescheiden, etwas für Zigaretten und ein paar Biere blieb ja übrig.

Nach einer Phase der Eingewöhnung in die neue Situation hatte uns der Alltag wieder, der von jedem auf seine Art gemeistert werden musste.

Manfred Krause

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