Lesen lernen und die Bedürfnisanstalt (1942)

Im Kriegsjahr 1942 konnte ich als damals sogenannter ABC-Schütze zum ersten Male Buchstabe für Buchstabe zu einem Wort formen. „Erfolgreich das Lesen erlernt!“ Lesen, lesen, lesen. Bis heute ein Geschenk.

Unterstützt und korrigiert von meinem sieben Jahre älteren Bruder las ich alles, was mir unter die Augen kam. Manche Wörter konnte man sofort richtig einordnen: MILCH, BUTTER, GEMÜSE. So stand es damals in großen Bchstaben über den jeweiligen Läden.

Bald darauf auch noch ganze Sätze und Vorschriften: „Das Spielen und Lärmen der Kinder im Torweg ist verboten!“ „Das Betreten des Rasens ist verboten!“ Ein Wort bereitete mir von Anfang an Schwierigkeiten: Was bedeutet „Bedürfnisanstalt“? Für junge Schulkinder von heute ist es ein Fremdwort (getestet an meinen Enkelkindern).

Ich muss ein wenig ausholen und weiter in die Vergangenheit gehen, und zwar vor Beginn des 2. Weltkrieges. Auf dem Weg zu den Großeltern befand sich gegenüber der Christuskirche in Eimsbüttel ein kleines, düsteres Haus, so eine Art geschlossener Pavillon. Manchmal sah man Männer hineingehen oder herauskommen. Da ich schon als Kleinkind in der Kinderkarre oft daran vorbei geschoben worden war, muss dieses kleine Haus ohne Türen und Fenster unheimlich auf mich gewirkt haben.

Bis heute ist der Eindruck geblieben, dass meine Mutter an dieser Stelle, ob hin zu den Großeltern oder zurück nach Hause, besonders schnell ging; nicht nach links und rechts sah, nur rasch geradeaus weiter.

So wagte ich es aus diesem Unterbewusstsein heraus nicht, nach einer Erklärung des Wortes „Bedürfnisanstalt“ zu fragen. Ein Hinweisschild kündigte es an. Bedürfnisanstalt, ein in meinen Augen grässliches, ja, unheimliches Wort. Es musste sich dahinter etwas Ungebührliches verbergen. Spießig möchte ich es heute nennen; meines Wissens nach geprägt zu Kaisers Zeiten. Weiter benutzt über Jahre – ein deutsches Wort!

Heute sagt man zu derartigen Ungereimtheiten vielleicht sogar: „Das Kind ist traumatisiert“. Wie auch immer: Lachen wir heute darüber!

Autorin: Gesa Dierks

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