Erben nach der Wende (1991-1999)

Meine Schwester und ich kümmern uns 1991 um unser Erbe. Es handelt sich um das Haus unserer Großeltern in Bad Doberan. In das ehemals stattliche Haus aus dem Jahr 1863 mit vier Wohnungen ist in den 46 Jahren nach Kriegsende nichts investiert worden. Uns im Westen wurde es unmöglich gemacht, nötige Reparaturen an dem Haus vorzunehmen.

Wie der Grundbuchauszug belegt, wurde das Haus aber von der DDR-Regierung mit Hypotheken belegt. Davon ist aber nichts in das Haus geflossen. Wir Erben dürfen nun, um das Grundbuch zu bereinigen, diesen noch ungetilgten Hypothekanteil und sogar noch alte Goldmark-Hypotheken zurückzahlen! Gern möchten wir das Erbstück wieder schön herrichten. Wir fallen vom Stuhl, als wir erfahren, dass die Sanierung des Hauses der Großeltern laut Kostenvoranschlag über 900.000 DM kosten soll!

Für uns kommt die Wende leider zu spät. Meine Schwester ist bereits Rentnerin. Ich bin mit der Pflege meines Mannes voll beschäftigt und darf in fünf Jahren auch meine Rente beantragen. Diesen hohen Betrag können wir bei bestem Willen nicht aufbringen. Außerdem stellen wir fest, dass man uns Westlern nicht gut gesonnen ist. Die ortsansässigen Handwerksbetriebe haben jetzt endlich genug Baumaterial und inzwischen auch reichlich Aufträge von den „Einheimischen“. Nur eine Heizungsfirma in Bad Doberan ist bereit, die von den Mietern begonnene Installation einer Gasheizung im Haus zu erweitern, um damit den weiteren Verfall des Hauses zu verhüten. Ganz dringend aber müsste das Dach repariert werden. In den Dachrinnen wachsen schon kräftige Gräser und kleine Birken, deswegen kann das Regenwasser nicht mehr ordnungsgemäß über die auch schon desolaten Fallrohre abfließen. Überall wohnen Tauben im Dach, die dort einen sagenhaften Dreck hinterlassen haben!

Alle angesprochenen Dachdeckerfirmen lehnen mit Bedauern ab, Aufträge von den Cadow-Schwestern aus Hamburg zu übernehmen. Nach der Erweiterung der Gasheizungsanlagen im Haus für runde 23.000 DM planen wir schweren Herzens den Verkauf unseres geerbten Hauses in Bad Doberan.

Um verkaufen zu können, müssen wir aber zuerst noch weiter das Grundbuch bereinigen! Inzwischen sind wir auch nicht die Alleinerben. Wie sich herausstellt, hält eine zweite Ehefrau unseres Onkels noch einen Anteil! Als sie, über 90 Jahre alt, auf ihren Anteil zu unseren Gunsten verzichtet, müssen wir selbst noch die alten privaten Goldmark-Hypotheken abtragen. Das Grundbuchamt soll uns über das Ausmaß der dafür erforderlichen Ausgaben aus der Hausakte aufklären.

Mit der Sachbearbeiterin im Grundbuchamt verabrede ich schriftlich einen Termin. Wir reisen von Hamburg an. Die Sachbearbeiterin aber kann die Sütterlinschrift im Grundbuch nicht lesen und uns keine Auskunft geben. Wir fahren enttäuscht wieder zurück.

Nach und nach gibt es dann doch Sachbearbeiter im Grundbuchamt, die sich mit dieser alten Schrift auskennen, und uns beraten, wie wir unser Grundbuch weiter „bereinigen“ können. Wir finden sogar noch die alten Menschen, denen wir ihre Goldmarkhypotheken vergüten können.

Endlich haben wir es dann 1995 geschafft. Alle Hypotheken sind abgezahlt und alle Mieter im Haus haben eine gut funktionierende Gasheizung erhalten. Meine Schwester und ich werden nun als die rechtmäßigen Eigentümerinnen des Hauses in das Grundbuch eingetragen. Was lange währt, wird endlich gut!

Wenn wir uns in Bad Doberan sehen lassen, beschweren sich nun unsere Mieter im Haus lautstark bei uns, fragen, warum wir nicht endlich weiter renovieren. Sie denken, wir aus dem Westen sind so etwas wir der reiche Onkel aus Amerika! Sofort melden sie Mietminderung an, wenn etwas im Haus nicht mehr funktioniert. Die Bewohnerin des Hinterhauses verklagt uns sogar beim Amtsgericht Bad Doberan. Wir werden vorgeladen, schließen einen Vergleich, sollen einen Schaden beheben, der durch den Abriss einer Mauer bei der Renovierung des Nachbarhauses nach der Wende entstanden ist. Daran sind wir schuldlos! Wir wollen das verständlicherweise erst abklären. Das dauert der Mieterin zu lange. Sie stellt daraufhin ihre Mietzahlungen sofort gänzlich ein.

Entmutigt müssen wir schließlich aufgeben. Wir verkaufen nach vier Jahren mühseliger Behördenwege und Verhandlungen vor Gericht unser Erbe. Die Neubesitzer haben große Pläne mit dem alten Haus und dem Grundstück. Inzwischen steht es auch schon unter Denkmalschutz. Das bedeutet für die neuen Besitzer noch einmal erhebliche Verteuerung bei der Renovierung und Wiederinstandsetzung, weil das Haus originalgetreu herzurichten ist.

Für meine Schwester und mich wäre das wirklich viele Nummern zu groß gewesen. Schade, für uns bleiben nach der Wende nur die Bilder und Erinnerungen an schöne Kinderferien bei den Großeltern bis zum Kriegsbeginn 1939.

Autorin: Marianne Wriedt

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