Ein Besuch auf dem Hanstein (30.12.1963)

In den Jahren von 1949-1951 war ich wiederholt von der Burg Ludwigstein im Werratal zur Burgruine Hanstein gewandert. Allein!

Der Hanstein lag in der damaligen DDR, und die Gegend war immer menschenleer gewesen. Nie traf ich einen Menschen auf meinen illegalen Ausflügen. Nur bei meiner ersten Tour begegnete mir Eggi, ein Mädchen aus Herford, die, wie ich, sich heimlich vom Ludwigstein zum Hanstein hinaufgeschlichen hatte. Die Zonengrenze war nur durch einen Stacheldrahtzaun und durch vereinzelte Warnschilder gekennzeichnet. Das Risiko, gestellt und inhaftiert zu werden, war immer vorhanden, aber hier wurde nicht geschossen.

Aus beruflichen Gründen zog ich im August 1951 von Hannoversch Münden nach Herford und kam nun seltener zur Burg Ludwigstein. Im Dezember 1951 war ich zuletzt auf dem Hanstein gewesen. Inzwischen hatten wir das Jahr 1953, und die Grenze sollte angeblich gut bewacht sein, jedoch von westdeutscher Seite war kein Posten erkennbar, alles sah so aus wie früher. Im Sommer 1953 war ein Mann von der Burg zum Hanstein gegangen und erst Monate später bei Hof in Bayern wieder zurückgeschickt worden.

Nun war ich wieder nahe der Grenze, und meine Neigung, den Hanstein zu beehren, konnte ich bei meinem Wissenstand leicht beherrschen. Die Burg Ludwigstein war in den Tagen nach Weihnachten 1953 im Besitz des „Wandervogel Deutscher Bund“. Es war die Jahresschlusswoche, etwa 200 Mädchen und Jungen waren zusammengekommen, und die Stimmung war großartig.

Am 30. Dezember 1963 war nach dem Mittagessen Freizeit bis zum Abend. Das viele Sitzen der letzten Tage hatte einen ungeahnten Bewegungsdrang ausgelöst. Überall waren kleine Grüppchen unterwegs. Ich schlenderte mit einigen Jungen meiner westfälischen Horten und aus Seelze in Niedersachsen zur Grenze, um ein bisschen zu gucken.

Als wir uns der Grenze näherten, standen andere Mädchen und Jungen aus unserem Bund, riefen, winkten und gestikulierten wie wild. Und dann sahen wir auch den Grund: Eine Gruppe von 14-16-jährigen Mädchen, etwa zwölf bis dreizehn an der Zahl, waren über den Zaun geklettert und schon über 100 Meter auf dem Gebiet der DDR. Die Mädchen winkten uns fröhlich zu und gingen langsam den Berg hinauf. Mein Freund Franz G., den ich nun sah, hatte die Mädchen nicht bremsen können. Er sagte mir, dass dies die Gruppe von Hanna Q. aus Duisburg sei.

Offensichtlich kannten mich einige der Mädchen, riefen mich mit Namen und forderten mich auf, mitzukommen. Ich beriet mich mit Franz, und wir waren beide der Meinung, dass die Sache zu gefährlich für uns sei. Inzwischen aber bedrängten meine Jungen mich. War es Neugierde oder Abenteuerlust? „Wir können doch die Mädchen nicht alleine lassen!“ Ich musste schnell abwägen. Was konnte uns passieren? 25 Jugendliche können die Vopos doch nicht tagelang festhalten! Ich hatte früher schon mit anderen waghalsigen Unternehmungen Glück gehabt!

Im Handumdrehen sammelte ich Schulterriemen, Ausweise, Fahrtenmesser und Fotoapparate ein und drückte sie dem verdutzten Franz in die Hände. 12 Jungen stürmten den Mädchen hinterher. Diese Invasion war nicht zu übersehen. Nach kurzer Zeit traten zwei Vopos (Volks-polizisten) aus dem Gebüsch und fragten, ob wir uns verlaufen hätten. Verlaufen? Ich fragte zurück: „Verlaufen? Wir sind doch noch in Deutschland! Wir wollen Euch auf dem Hanstein besuchen“. Nun kamen weitere Volkspolizisten, und wir wurden mit vorgehaltenem Karabinern zum Hanstein abgeführt.

In einem Haus unterhalb der Ruine waren im Erdgeschoß die Wachstube und im Obergeschoß das Clubheim der FDJ dieser Polizei-Einheit untergebracht. Wir mussten in die Wachstube gehen, die nun so voll war, dass sich keiner mehr rühren konnte. Während Hanna und ich nach Personalien, Herkommen und Ziel befragt wurden, bauten Gerd Heller und mein Hacki aus den hinter uns an der Wand hängenden Gewehren die Schlösser aus. Sie übergaben diese dem Unterleutnant hinter dem Tresen und erklärten mit unschuldsloser Miene, so seien die Waffen nicht so gefährlich.

Die Offiziere der Volkspolizei redeten und telefonierten und wussten nichts mit uns anzufangen. So einen „Überfall“ hatten sie noch nie erlebt. Man wartete auf einen sowjetischen Major aus Rudolstadt. Wir gingen inzwischen mit einigen sehr jungen Volkspolizisten, die dienstfrei waren, in ihr Clubheim. Wir redeten miteinander, spielten Dame, Mühle und Halma – es wurde richtig gemütlich.

Plötzlich ein Schreck: Hanna vermisste ein Mädchen, auch ich zählte unsere Lieben durch. Es stimmte, es fehlte jemand. Niemand hatte Lilo weggehen sehen, dabei hatte ich vorher unbemerkt von den Polizisten alle Jungen und Mädchen angewiesen, sich bei mir oder Hanna abzumelden, wenn er oder sie, aus welchem Grund auch immer, den Raum verlässt.

Ich lief hinunter in die Wachstube: Keine Lilo zu sehen. Im Keller war es dunkel und still. Im Hof war neben dem Altbau eine hell erleuchtete Baracke.

Ich ging hinein. Da war ein langer, schmaler Flur mit vielen Türen rechts und links. Jede Tür riss ich auf, sah erstaunte Gesichter, jedoch kein blondes Mädchen. Wurde sie irgendwo verhört? War sie spazieren gegangen oder gar abgehauen? Draußen war es stockdunkel. Wo hatte ich noch nicht nachgesehen? Über dem Clubraum war nur noch der Boden, und die Treppe hinauf war nicht erleuchtet, auch fand ich keinen Lichtschalter. Ich schlich die dunkle Bodentreppe hoch.

Durch die Ritze einer Eisentür drang ein Lichtschimmer. Ich klopfte und riss die Tür auf. Da war sie! Lilo spielte fröhlich mit einem jungen Vopo Tischtennis. Ich war hin- und hergerissen zwischen einem Wutanfall und einer irren Freude. Ach, was! Ich hätte das Mädchen küssen können.

Kaum war ich wieder unten im Clubraum, da kamen einige Jungen und klagten: „Mampf, wir haben Hunger!“ Auf dem Ludwigstein war die Abendbrot-Zeit schon vorüber, und die langen 15- bis 17-jährigen Kerle hatten seitdem nichts mehr zum Beißen gehabt. Ich sprach zwei Volkspolizisten auf das Problem an, sie gingen daraufhin weg. Nach kurzer Zeit kamen sie mit zwei Riesenpfannen voller Bratkartoffeln und herrlich schmeckenden sauren Gurken wieder.

Spät am Abend kam ein russischer Major. Zuerst musste ich ihm einige Fragen beantworten, dann wurde Hanna zum Verhör geholt. Die Vopos, die sie dahin begleitet hatten, kamen zurück und erzählten mir, dass Hanna geradezu unverschämt mit dem Russen geflirtet habe.

Kurz darauf sagte man uns, dass wir ohne Formalitäten zur Grenze zurückgebracht würden. Mehrere Vopos, auch dienstfreie, begleiteten uns trotz des frostigen Winterwetters und verabschiedeten uns mit dem Wunsch, so einen Besuch nicht zu wiederholen.

Diese Neigung war ohnehin allen vergangen. Kurz nach Mitternacht standen wir an der Grenze. Einige Kameraden hatten dort stundenlang in eisiger Kälte Wache gehalten und empfingen uns sehr erleichtert.

Oben auf der Burg wurden wir von einigen wegen des unglaublichen Leichtsinns fürchterlich beschimpft. Sie hatten ja recht. Unser Bundesführer Hoch schüttelte nur den Kopf- „Ihr habt vielleicht Glück gehabt!“, war sein Kommentar. Alle waren erleichtert, dass diese Wanderung ein gutes Ende genommen hatte.

Viele Jahre später erinnerte sich Karin F. aus Stuttgart: „Wir waren auf der Burg wie gelähmt aus Sorge um Euch! Und dann kamt Ihr fröhlich zurück und erzähltet, dass Ihr richtig anständige Bratkartoffeln mit Speck und sauren Gurken gegessen habt und endlich mal ordentlich satt geworden seid.“

Autor: Manfred Köhne

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