Bröses Laden 30er Jahre

Meine Schulzeit verbrachte ich in Berlin-Lichtenfelde, wir wohnten in einem der südwestlichen Vororte. In unserer Straße gab es einen sogenannten Kolonialwarenladen, in dem fast alle Lebensmittel für die Familie eingekauft wurden. Der Name des Kaufmanns war Bröse, also hieß es oft: „Spring‘ mal schnell zu Bröse und hole dies oder das!“

Meine Mutter führte für den Einkauf in diesem Laden eine Kladde. Ich sehe sie noch heute vor mir, mit blauem Wachspapier eingebunden, liniert und auf jeder Seite mit einem langen, senkrechten Strich versehen, der gerade genug Platz ließ für den Preis. In dieses Heft schrieb meine Mutter mit ihrer schönen gestochenen Schrift Zeile für Zeile die gewünschte Ware und die Menge, ebenso das Datum des Tages. Dann zog entweder unser Hausmädchen oder eines von uns Kindern mit einem großen Korb und dieser Kladde los zu Bröse. Alles Gewünschte wur­de von ihm oder seiner Frau in den Korb gepackt und sorgfältig jeder Preis eingetragen; zum Schluss dann, unter einem kräftigen Strich, der akkurat mit einem Lineal gezogen wurde, die Endsumme errechnet und aufgeschrieben.

Abgerechnet wurde nur einmal im Monat und zwar von meiner Mutter, die zu diesem Behufe, bewaffnet mit ihrem großen Haushaltsportemon­naie, höchst persönlich zu Bröse ging, bezahlte und bei dieser Gelegenheit sich über das aktuelle Sortiment und neue Angebote informierte.

Wenn ich an diese Zeit und Bröses Laden zurückdenke, habe ich sofort die Vorstellung von einem ganz unbeschreibbaren Duft in der Nase, halb verlockend und angenehm, und doch auch wieder nicht. Denn es roch ja nicht nur nach Kaffee und Kakao, fruchtigen Säften in hohen Glasgefäßen, Marmeladen, Mus und Honig in offenen Steintöpfen, geräucherten Würsten und Schinken, Käse, frischem Brot und vielen Gewürzen wie Zimt, Pfeffer und Muskat, sondern darein mischte sich der starke Geruch von Sauerkraut, sauren Gurken, Salzheringen und Grüner Seife, die in großen Fässern aufbewahrt wurden.

Natürlich gab es auch ein schönes Glasgefäß voller bunter Bonbons, aus dem sich jedes Kind sein Lieblingsleckerli angeln durfte.

Milch, Brötchen, frische Eier und Butter wurden übrigens ins Haus gebracht. Fischläden gab es zu der Zeit in Berlin fast keine, dafür aber sehr gute Schlachter. Kartoffeln, Möhren, Kohl, Sellerie, Petersilienwurzeln, Meerrettich, Zwiebeln und Winteräpfel wurden von Bauern aus dem Hannoverschen auf Bestellung im Herbst mit Pferdewagen nach Berlin gebracht und im Keller eingelagert. Obst aß man jahreszeitgemäß aus dem Garten. Himbeeren, Brombeeren und Blaubeeren pflückte die Familie auf Spaziergängen im Wald, ansonsten wurden Obst und Gemüse auf dem Markt gekauft, den Gärtner und Bauern aus dem Umland belieferten.

Ach ja, und das Schönste in Bröses Laden war für uns Kinder der bewegliche Ständer aus Metall, am Ende der Theke stehend, an dem viele, viele Tüten in allen Größen hingen, auf Bindfäden aufgefädelt, meist spitz und weiß und mit blauen Sternchen bedruckt.

Und jedes Mal, wenn Bröse oder seine Frau aus einer der großen Schubladen voll Mehl, Zucker, Salz, Haferflocken, Gries, Rosinen oder Mandeln etwas in eine Tüte einfüllen wollte, wurde diese – schwupps – schwupps – vom Bindfaden abgerissen; dadurch setzte sich dann der Ständer wie ein Karussell in Bewegung, und alle Tüten tanzten und wirbelten an ihren Fäden schwungvoll im Kreis – unvergesslich!

Autorin: Eva Emskötter

Schreibe einen Kommentar