Kriegsbeginn 1.09.1939
Lamp, Lieselotte: Erinnerungen an den 1. September 1939
Bertels, Elsa: Krieg!
Gottschau, Werner: 1. September auf der Westerplatte
Kabelitz, Marianne: Am 1.9.1939 war Schlesien noch unser Heimatland
Günter, Claus: Muffensausen
Scholtz, Karl-August: Wie ich den 1. September 1939 erlebte
Simonsohn, Wilhelm: Überfall auf Polen ("Blitzkrieg") (1939)
Schmidt, Walter: Der Kriegsbeginn verändert das Leben (1939)
Bünger, Lore: "Das ist ja interessant!" - Kriegsanfang (1939)
Witt, Ingeborg Eva: 70 Jahre Kriegsbeginn - Der 1. September
Erinnerungen an den 1. September 1939
Auszüge aus dem Mitteilungsblatt der Zeitzeugenbörse Hamburg
"Zeitzeugen", Ausgabe 16, Juli - September 2002, Seiten 2-3.
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Veröffentlichung nur mit Zustimmung der Zeitzeugenbörse Hamburg, p. A.
Seniorenbüro Hamburg e. V., Steindamm 87, D-20099 Hamburg,
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Ich war Lehrling im 3. Lehrjahr. Wir waren sechs junge Laboranten, einschließlich der Auszubildenden, alle um die 16 bis 22 Jahre alt.
Unter den Jungs brach am 1.9.1939 eine Art Euphorie aus, etwa nach dem Motto: “Jetzt geht’s aber los, denen werden wir schon den Marsch blasen, dass ihnen Hören und Sehen vergeht – mit denen machen wir kurzen Prozess!“ (Gemeint waren die Polen, welche die ehemals deutschen Ostgebiete nicht freiwillig abtreten wollten.) Und weiter: “Das muss gefeiert werden! In der Pause werden wir den heutigen Tag mit Kaffee und Kuchen begehen!“ Wir stimmten alle begeistert zu – zum Feiern waren wir immer bereit.
Woher kam diese Euphorie, diese Siegessicherheit, woher – aus heutiger Sicht – die grenzenlose Überheblichkeit?
Wir waren bereits in der HJ oder im BDM organisiert, einige der jungen Männer auch schon in der SA – getreu der Parole des “Führers“: Ihr seid die Garanten des Dritten Reiches, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl.
Das war wie Musik in unseren jugendlichen Ohren. Wir waren die “neue Zeit“! Die Eltern mochten die Köpfe schütteln – Hitler hatte uns goldene Berge versprochen, und sein Wort galt. Wir sangen ja schon seit mehreren Jahren:
“Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg, usw.“ Und wir sangen auch das Lied “Unsere Fahne flattert uns voran“, das mit der Zeile endete: “Ja, die Fahne ist mehr als der Tod!“
Ich glaube, wir fühlten uns großartig beim Absingen dieser großspurigen Texte. Verstanden, begriffen in ihrer letzten Konsequenz, haben wir sie sicher nicht. Da nützten auch die Erzählungen der Eltern und Verwandten aus dem Ersten Weltkrieg über Tod, Verwundungen und Hunger in der Heimat nichts. Das waren schließlich ganz andere Zeiten gewesen! Unser “Führer“ führt uns von Sieg zu Sieg!
Und Hitler baute doch auf uns! Er war doch stolz auf uns, auf die “blauäugigen, blonden, reinrassigen Herrenmenschen!“ (Für die braunäugigen und braunhaarigen gab es ein 1b-Trostpflaster: Das war eben die dinarische Rasse, zu der er sich selbst zählen musste.) Dies Getöse blieb nicht ohne Wirkung auf uns. Welcher Jugendliche will nicht gern etwas Besonderes sein? Hinzu kamen die Ereignisse der letzten Jahre.
Der Versailler Friedensvertrag war für null und nichtig erklärt worden, das Saarland “befreit“, Elsass-Lothringen wieder für deutsch erklärt. Die Österreicher kehrten mit großem Getöse heim ins “Großdeutsche Reich“, und schließlich kam das Sudetenland hinzu.
All diese Militäraktionen fanden ohne Gegenwehr und Blutvergießen statt – mit schweigender Duldung des Auslands.
Dann gaben die Nationalsozialisten die Parole vom Volk ohne Raum aus: “Wir brauchten dringend die Erweiterung nach Osten.“ Polen sollte die nach dem Ersten Weltkrieg abgetretenen deutschen Gebiete zurückgeben.
So dachte gewiss nicht das ganze deutsche Volk. Aber wir, die im wahrsten Sinne des Wortes “blauäugigen“ Jugendlichen, berauscht von den Parolen Hitlers, wir schon.
Heute denke ich mit Kopfschütteln und Scham an unsere Kuchenparty zurück. Wir Verblendeten! Leider machte nur die Erfahrung unsere Generation klug – die bittere Erfahrung mit einem großspurig versprochenen “Tausend-jährigen Reich“, das nach 12 Jahren in unsagbarem Elend und für viele mit der Vertreibung und totalen Vernichtung der Heimat endete.
Autorin: Lieselotte Lamp
Krieg!
Auszüge aus dem Mitteilungsblatt der Zeitzeugenbörse Hamburg
"Zeitzeugen", Ausgabe 16, Juli - September 2002, Seiten 3-5.
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1. September 1939: Ich war elf Jahre alt. Die Älteste von damals fünf Geschwistern, das sechste war unterwegs und sollte im Oktober geboren werden. Ich hatte bereits ziemlich viele Pflichten übernehmen müssen. So wurde ich auch an diesem Morgen zum Einkaufen geschickt. Natürlich zu Fuß. Ein Fahrrad besaß nur mein Vater, der täglich damit zur Arbeit fuhr.
So trottete ich die Bramfelder Straße entlang. Ein EKZ gab es zu dieser Zeit noch nicht, jedoch einen kleinen Knotenpunkt.
Hier waren einige Einzelhandelsgeschäfte wie Schlachter, Bäcker, auch ein Pferdeschlachter, eine kleine Leihbücherei, Friseur und ein Radiofachhandel angesiedelt. Alles schön gemütlich, ohne Hektik. Ab und zu fuhr die Straßenbahn Linie 9 vorbei, oder es klapperte ein Spannwerk über das Kopfsteinpflaster.
Heute morgen wirkte jedoch alles irgendwie anders: Die Menschen gingen schneller und verbreiteten Nervosität um sich. Sie hatten – soweit ich das mit meinen elf Jahren feststellen konnte – angespannte Gesichter. Ich kannte diesen Gesichtsausdruck von meiner Mutter in schwierigen Situationen. Schnell sollte ich erfahren, weshalb alles so anders war als sonst.
Als ich beim Radiogeschäft angelangt war, traf ich auf eine Ansammlung von vielen Menschen. Kinder trugen Schülermützen und Matrosenanzüge. Alle waren sie angelockt durch die bekannte Stimme von Adolf Hitler. Mir schoss Angst und Schrecken durch die Glieder, denn er schrie: “Heute morgen sind unsere Soldaten in Polen einmarschiert. Seit 5.45 Uhr wird zurück geschossen!“ Was er dann noch sagte, habe ich nicht mehr richtig wahrgenommen. Rings umher fast nur entsetzte Gesichter.
Natürlich wurden auch Hurra-Rufe laut. Die Bedrückten waren wohl meist ältere Menschen. Sie hatten den Ersten Weltkrieg erlebt. Auch ich musste sofort an alles denken, was mir meine Großeltern und meine Mutter darüber erzählt hatten.
Viele Menschen waren gefallen, verletzt oder verstümmelt. Mein eigener Großvater war erblindet, als er als Sanitäter in den riesigen Schneefeldern Russlands nach Verletzten und Toten suchte. Wir hatten besonders Angst vor Giftgasangriffen, Hunger und Kälte. Die Zivilbevölkerung hatte gehungert und gefroren. Jedenfalls kann ich mich sehr gut daran erinnern, dass ich kehrt machte und wie besessen nach Hause rannte und meiner Mutter berichtete, was geschehen war.
Sie wollte es nicht glauben und ging zu den Nachbarn, die ein Radio besaßen. Wir selbst hatten noch keines. Schnell hat sie die Antwort bekommen. Allmählich kamen immer mehr Nachbarn aus den Häusern. Sie sahen sich mit bedrückten Gesichtern an und sprachen nicht. Es war, als hätten sie geahnt, was auf uns zukommen würde.
Autorin: Elsa Bertels
1. September 1939 auf der Westerplatte
Auszüge aus dem Mitteilungsblatt der Zeitzeugenbörse Hamburg
"Zeitzeugen", Ausgabe 16, Juli - September 2002, Seiten 7 - 8.
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Veröffentlichung nur mit Zustimmung der Zeitzeugenbörse Hamburg, p. A.
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Nachts um halb eins wurde ich durch Dauerklingeln geweckt. Vor der Tür stand ein Polizist, der mir sagte, ich solle sofort zur Ortsgruppe kommen. “Warum?“ Keine Antwort. Schon nach fünf Minuten stand ich in Uniform vor dem Ortsgruppenleiter und erfuhr, dass es noch in dieser Nacht Krieg geben würde. Gegen Polen! "Was soll ich dabei tun?" - "Du wirst Melder und bringst Befehle zu den verschiedenen Stellen. Du bekommst ein neues Fahrrad und eine Meldetasche."
Die Tür ging auf und zwei Offiziere in Uniform traten ein. Deutsche Wehrmacht und SS-Heimwehr Danzig. Sie sprachen mir einen Text vor, den ich wiederholen musste und dann war noch meine Unterschrift fällig. "Sie sind nun vereidigt als deutscher Soldat und unterstehen dem Kriegsrecht." Sie gaben mir die Hand, legten die Hand an die Mütze und waren verschwunden. Ich war Soldat der deutschen Wehrmacht! Die HJ-Armbinde tauschte ich ein gegen eine gelbe Armbinde mit der Aufschrift "Deutsche Wehrmacht".
Sofort ging die Fahrerei los. Zum obersten Stab, zu Geschützstellungen, zu Maschinengewehrstellungen und zu anderen Parteidienststellen.
Das deutsche Linienschiff "Schleswig Holstein" hatte seinen Liegeplatz verlassen und war ca. 600m weiter weg von seinem alten Liegeplatz. Vor einigen Tagen war das Schiff zum Freundschaftsbesuch gekommen. Ich fuhr daran vorbei und ringsum war Ruhe. Auch auf "meiner" Westerplatte, auf der ich bis gestern fast jeden Tag gewesen war. Mit meinem Freund Kurt Taube lieferten wir dort in der Kaserne Molkereiprodukte ab. Ich kannte also jeden Winkel.
Punkt 4.47 Uhr erschütterte ein Riesenknall die Luft. Die erste Salve der "Schleswig Holstein" zerriss mir fast das Trommelfell. Dazwischen viele Schüsse und Detonationen. - Der zweite Weltkrieg hatte begonnen und ich war mittendrin.
Bisher verdiente ich mir ein Taschengeld auf der Ortsgruppe mit Steno und Schreibmaschine. Das "Taschengeld" war höher, als mein Gehalt als kaufmännischer Lehrling. Vielleicht hatte man mich deshalb genommen. Jedenfalls raste ich den ganzen Tag als Melder durch unseren Heimatort Neufahrwasser.
Ich erfuhr, dass mein Klassenkamerad gegen 10 Uhr gefallen sei. Auch er war als Melder eingesetzt. Genau so alt wie ich, 16 1/2 Jahre. Ob auch auf mich geschossen wurde, weiß ich nicht. Ich war viel zu aufgeregt. Alle Einwohner waren in den Kellern, nur die Wehrmacht war auf den Straßen. Was sich auf "meiner" Westerplatte abspielte bekam ich nicht zu wissen. Nur, dass es sehr schlecht stand. Warum eigentlich? Bei dem Krach hätte doch schon alles vorüber sein müssen. Aber gegen Abend kam der Räumungsbefehl für die gesamte Bevölkerung. Ich musste bleiben und stand der Wehrmacht weiterhin zur Verfügung.
Autor: Werner Gottschau
Am 1.9.1939 war Schlesien noch unser Heimatland
Auszüge aus dem Mitteilungsblatt der Zeitzeugenbörse Hamburg
"Zeitzeugen", Ausgabe 16, Juli - September 2002, Seite 5.
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Veröffentlichung nur mit Zustimmung der Zeitzeugenbörse Hamburg, p. A.
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An jenem 1. September, um 6 Uhr früh, donnerte es lautstark an unsere Haustür, und es wurde nach meinem Vater gerufen. Er schaute nach was los sei, und zwei Männer forderten ihn auf, sich unverzüglich nach Bunzlau zur Sammelstelle zu begeben, er würde zur Wehrmacht eingezogen. Mein Vater schwang sich aufs Fahrrad und fuhr los.
Unterdessen hörten wir die Meldung aus dem Volksempfänger, dass deutsche Soldaten in Polen einmarschiert seien. Wir wohnten an einer Handelsstraße, die sich von Dresden über Görlitz, Bunzlau, Liegnitz bis nach Breslau hinzog, und über diese Straße sahen wir bald endlose Kolonnen von Panzern und Mannschaftswagen mit Soldaten gen Osten ziehen. Da der Sportplatz unserer Schule an dieser Straße lag, haben unsere Lehrer mit uns tagelang die Soldaten bejubelt und ihnen Blumen zugeworfen.
Am Nachmittag kam mein Onkel mit dem Auto vorbei. Wir stiegen ein, und mit überhöhtem Tempo ging es nach Görlitz. Ich weiß noch, dass wir dadurch in einem Dorf eine weiße Henne überfahren haben.
Mein Onkel hatte ausfindig gemacht, dass mein Vater als Unteroffizier eines der großen Zelte zu überwachen hatte, in welchem die ersten 600 polnischen Kriegsgefangenen auf Stroh lagerten. Wir konnten kurz mit meinem Vater sprechen, der uns über die Situation mit der Meinung hinweg tröstete, dass er schnell wieder zu Hause sein würde. Das war er aber in den folgenden sechs Jahren nur dann, wenn er Fronturlaub hatte. Er machte bis zu seiner Entlassung aus englischer Gefangenschaft den ganzen Zweiten Weltkrieg mit.
Sein schlesisches Zuhause, aus dem auch wir später flüchten mussten, hat er nie wieder gesehen: das war unterdessen polnisch geworden.
Autorin: Marianne Kabelitz
"Muffensausen"
Auszüge aus dem Mitteilungsblatt der Zeitzeugenbörse Hamburg
"Zeitzeugen", Ausgabe 16, Juli - September 2002, Seiten 6 - 7.
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Als wir kürzlich bei einem unserer Zeitzeugen-Treffen über den Beginn des Zweiten Weltkriegs sprachen, erinnerte ich mich daran, dass die Menschen damals, 1939, überhaupt nicht begeistert waren; die allgemeine Stimmung empfand ich eher als gedrückt. Das hat mich sehr gewundert, denn über den Jubel, der 1914, am Anfang des Ersten Weltkriegs geherrscht hatte, war zu Hause und in der Schule mehrfach gesprochen worden. Vielleicht, weil die Niederlage 1918 so enttäuschend gewesen war?
Was allerdings "die Schmach des Versailler Vertrages" bedeutete, verstand ich noch nicht. Ich war erst acht Jahre alt. Und überhaupt, so mag ich wohl gedacht haben, war der Feldzug gegen Polen ja noch kein Weltkrieg! Unserem geliebten Führer Adolf Hitler konnten wir sicher vertrauen. Wir wussten es nicht anders.
In der heutigen Zeit nun, mehr als sechs Jahrzehnte später, wollte ich mehr wissen über jenen denkwürdigen Tag. Gab es etwas, das mir entfallen war? Ich informierte mich anhand einer alten Zeitung. Vergessen hatte ich, dass der 1. September 1939 ein Freitag war. Bestätigt hingegen fand ich den Zeitpunkt, den Hitler als Beginn des Krieges genannt hatte: 5.45 Uhr. Völlig verdrängt aber hatte ich einen Satz aus seiner im Rundfunk übertragenen Rede, der mir damals große Angst einflößte. Hitler sagte unter anderem: "Seit heute früh, 5.45 Uhr, wird zurückgeschossen, und von jetzt an wird Bombe mit Bombe vergolten!"
Ich hatte damals regelrecht "Muffensausen", als ich das hörte. Warum? In meiner Heimatstadt Harburg, auf dem Rathausmarkt, stand seinerzeit die Nachbildung einer riesigen Bombe, die, so weit ich mich erinnere, an eine Vielzahl getöteter Zivilisten im Zusammenhang mit dem Spanischen Bürgerkrieg von 1938 erinnerte.
Mir war also schon bewusst, welche Wirkung Bomben hatten, doch es wäre mir nie in den Sinn gekommen, meinen Eltern zu erzählen, was mich ängstigte. Ich wollte doch nicht als Memme dastehen! lieber ertrug ich jenes kindliche Gefühl grenzenloser Verlassenheit, das mir jetzt noch einmal bewusst geworden ist.
1944 hingegen, als wir ausgebombt wurden, habe ich auf den Tag des Kriegsbeginns und Hitlers falsche Versprechungen nicht zurückgeblickt. Manche Zusammenhänge erschließen sich erst später - Wenn man Zeitzeuge geworden ist.
Autor: Claus Günther
Wie ich den 1. September 1939 erlebte
(Mit Hilfe meiner damaligen Tagebuchaufzeichnungen)
Nachtrag vom 1.7.2005 durch unser Zeitzeugenmitglied
zum Thema Kriegsbeginn,
Nachfragen: mailto:senioren1@aol.com.
Autor: Karl-August Scholtz
Hurra, Urlaub! Am19. August 1939 durfte ich von Schwerin ins ca. 100 km entfernte Ostseebad Warnemünde reisen. Mit gut zwei Wochen Jahresurlaub waren wir Lehrlinge besser dran als die ausgelernten Kräfte.
Politisch war die Stimmung schon recht gedrückt, aber wir waren noch guten Mutes dank der offiziellen Propaganda. Waren wir wirklich guten Mutes? Ständige Lautsprecherdurchsagen auf der Strandpromenade, wo sonst dezente Musik ertönte, verunsicherten uns Urlauber bei Sonnenbädern und versuchter Entspannung in jenen heißen Augusttagen. Laufend wurden Namen von Gästen durchgegeben, die sofort in ihren Heimatort zurückkehren oder sich auf einer Warnemünder Dienststelle melden sollten. Der Urlaub nahm für die Aufgerufenen ein abruptes Ende.
Zwei Damen aus der Schweiz - auch Gäste in meiner Pension - erzählten Dinge, von denen in Deutschland sonst nichts zu hören und zu lesen war. Kurz, ein Krieg sei nicht mehr aufzuhalten.
In diese Verunsicherung hinein triumphierte die Propaganda mit der Nachricht eines Nichtangriffpaktes zwischen Deutschland und Russland. Der deutsche Reichsaußenminister von Ribbentrop besuchte Stalin in Moskau. Unvorstellbar, aber für mich ein Hoffnungsschimmer. Also schlenderte ich Heranwachsender abends gemütlich am Warnemünder "Strom" entlang, genoss Cafebesuche, Amateurkabarett und Kurkonzerte genauso wie das "Luftwaffengroßkonzert mit abschließendem Zapfenstreich".
Doch schnell kehrte die Unruhe zurück. Am 26. August gab die Reichsbahn bekannt: Ab Montag, den 28. August haben Zivilpersonen kein Recht auf Beförderung. Passanten und Kurgäste reisten nun in Scharen fluchtartig aus Warnemünde ab. Ich blieb noch, nach Schwerin war es ja nicht so weit. Doch das vom "Führer" heraufbeschworene Unheil kündigte sich weiter an.
28. August: Die Bezugsscheinpflicht wird eingeführt, vieles gibt es also nicht mehr frei zu kaufen. Vom gleichen Datum an fahren täglich nur noch 6 (sechs!) Züge der Reichsbahn von Warnemünde. Der "Reichstheaterzug" dagegen, ein auf Bussen rollendes NS-Unterhaltungsvariete, versuchte an diesem Abend die restlichen Kurgäste zu amüsieren.
Trotz allem fuhr ich an den nächsten beiden Abenden noch ins Rostocker Theater, sah "Isabella von Spanien" und den "Rosenkavalier".
Am 1. September 1939 um 10 Uhr vormittags lauschten die wenigen verbliebenen Pensionsgäste im Speiseraum am Rundfunkgerät der Führerrede in der Reichstagssitzung mit der verdrehten Lüge "ab heute wird zurück geschossen".
Das war nun auch für mich das Signal, sofort nach Schwerin zurückzukehren.
Überfall auf Polen ("Blitzkrieg") (1939)
Auszüge aus dem Mitteilungsblatt der Zeitzeugenbörse Hamburg
"Zeitzeugen", Ausgabe 41, September - Dezember 2009, Seiten 3 -
4.
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Veröffentlichung nur mit Zustimmung der Zeitzeugenbörse Hamburg, p. A.
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1919 geboren, wurde ich 1938 zum RAD (Reichsarbeitsdienst) einberufen. Von dort ging es sofort zur Wehrmacht. Angefangen habe ich als Rekrut bei den Seefliegern in Schleswig. Im Frühjahr/Frühsommer 1939 kam ich zur Ausbildung als so genannter Bildsoldat nach Parow bei Stralsund. Ende Juni 39 gab es eine erneute Veränderung: War ich bis dahin Seeflieger, gehörte ich nun in die 4. Staffel der 21. Gruppe einer Heeresaufklärungsstaffel. Unser Standort war Neubrandenburg. Schon einen Monat später, also Ende Juli 1939, erfolgte eine weitere Verlegung in den Raum Brieg in Schlesien. Dort landeten wir auf einem Feldflugplatz und wurden dem X. Armeekorps zugeordnet.
Der Stab des Armeekorps residierte im Piastenschloss in Brieg. Daselbst fand ein oder zwei Tage vor Beginn des Krieges ein Feldgottesdienst mit den Geistlichen beider Konfessionen statt, umrahmt von Feldhaubitzen und Gewehrpyramiden.
Kurz vor Kriegsbeginn gab es für die deutsche Luftwaffe ein sehr tragisches Ereignis. Durch eine meteorologische Fehlprognose, die Wolkenuntergrenze war falsch eingeschätzt worden, rammten sich 20 von 27 Stukas (Sturzkampfbombern) in den Boden. Nur die ersten Maschinen konnten von ihren Piloten rechtzeitig abgefangen werden.
Es lag in jenen Tagen eine geradezu knisternde Atmosphäre über dem politischen Geschehen. Oberst Beck, der polnische Außenminister, hatte noch einmal mit Göring im Jagdschloss des Fürsten Radziwill konferiert, aber ohne positives Ergebnis. Dies war vorauszusehen.
So sind dann am 1. 9. 1939 morgens gegen 6.00 Uhr die H 111-Verbände (Heinkel-Bomber) mit ihrer Bombenlast über uns hinweg zum Überfall auf Polen gen Osten geflogen, nachdem zuvor das Schulschiff Schleswig-Holstein die Westerplatte bei Danzig unter Feuer genommen hatte.
Für mich als 19-jährigen war das alles zunächst nicht viel mehr als ein spannendes Abenteuer, zumal ich ja in meiner Situation weit weg vom Schuss war.
Schon am zweiten Tag des Krieges wurde der Stab nach Osten verlegt, immer darauf bedacht, einen angemessenen Abstand zur Front einzuhalten. Dieses passierte immer wieder, denn es handelte sich ja um einen „Blitzkrieg“. Die Stationen waren (soweit ich mich noch erinnere) Wielun, Radom, Lodz und Warschau.
Einmal bezogen wir Quartier in einem Schloss, in dessen Dach sich eine Granate verirrt hatte. Diese ließ den Stab wie einen Ameisenhaufen durcheinander schwirren. So sah ich einen kommandierenden General in Hosenträgern, Socken und Stahlhelm die Freitreppe herunter eilen. Die mangelhafte Optik eines solchen Idols ließ eine Welt für mich zusammenbrechen.
Am 3. 9. hatten wir den ersten Toten zu beklagen. Der Flugzeugführer einer HE 46 war bei einem Einsatz mit einem polnischen Jäger zusammengestoßen. Der mitgeflogene Beobachter konnte rechtzeitig hinausklettern und mit dem Fallschirm landen.
Einige Tage später, es muss der 5. oder 6. 9. gewesen sein, eine unserer Divisionen war in die Kesselschlacht bei Kudno involviert, verloren wir ein zweites Flugzeug. Die beiden Besatzungsmitglieder konnten sich jedoch retten und zur deutschen Front durchschlagen. Als sie wieder bei uns eintrafen, wurden sie gebührend gefeiert. Nachdem die Schlacht bei Kudno geschlagen war (es war die entscheidende Schlacht des Polenfeldzuges), war es einigen polnischen Einheiten gelungen, nach Warschau auszubrechen. Damit verlor Warschau den Status einer „offenen Stadt“. Dies war der Auftakt für ein beispielloses Bombardement auf die wehrlose Stadt.
Als ich gemeinsam mit einem Vorgesetzten einen Tag nach der Kapitulation Warschaus in die Stadt fuhr, sahen wir unterwegs Menschen auf den Feldern, wie sie Kartoffeln ausgruben und vor Hunger hineinbissen, wie in einen Apfel. Warschau selbst bot ein Bild, wie wir es später von unseren Städten kennenlernen sollten.
Nach der Aufhebung der Quarantäne zogen dann die deutschen Truppen in die zerstörte Stadt ein, und der Generaloberst von Blaskowitz nahm die Parade ab, Hinter ihm, auf dem Pilsudsky-Platz, war ein riesiger Kartoffelberg angehäuft worden. Dieser wurde von polnischen Gendarmen, die mit deutschen Karabinern bewaffnet waren, beschützt. Ich erinnere mich, dass der Generaloberst immer nervös nach vorne salutierte und dann den Kopf nach hinten drehte, wo hunderte hungriger Polen den Kartoffelberg stürmen wollten. Die Gendarmen schossen aus Verzweiflung in die Luft. Es war eine skurrile Situation.
Danach wurden wir in den Raum Bialystok verlegt. Dort hatte Hitler mit Stalin die neue Demarkationslinie vereinbart.
Mit russischen Soldaten tauschten wir Zigaretten. Ihre Papyrossi hauten den stärksten Raucher um. Für mich war der Polenfeldzug beendet.
Autor: Wilhelm Simonsohn , transkribiert von Richard Hensel
Der Kriegsbeginn verändert das Leben (1939)
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"Zeitzeugen", Ausgabe 41, September - Dezember 2009, Seiten 5 -
7.
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Zur Zeit des Kriegsbeginns war ich knapp 9 Jahre alt. An welche Ereignisse aus dieser Zeit kann ich mich noch erinnern? Sicher nicht an bestimmte Daten, sondern an solche Ereignisse, die neu und ungewöhnlich waren. Und dazu muss ich erst einmal erzählen, was denn „normal“, also alltäglich war.
Also ich bin in Leck geboren und aufgewachsen. Leck ist ein Dorf ca. 17 km südlich der dänischen Grenze. Es wurde im Jahr 1231 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Es hatte in den 30er Jahren etwa 2.000 Einwohner. Leck war ein so genannter „Marktflecken“. Das heißt, es war der Zentralort in einer ausschließlich landwirtschaftlich geprägten Gegend. Industrie gab es bei uns nicht.
Einmal in der Woche war Markttag, dann kamen Bauern aus umliegenden kleinen Dörfern nach Leck, um dort alle möglichen Geschäfte zu erledigen. In erster Linie wurde natürlich mit Vieh aller Art gehandelt. Kleinvieh wurde mit Bauernwagen transportiert, Großvieh musste selber laufen. In Leck konnte alles Mögliche erledigt werden. Dort gab es Handwerker (für Bauern besonders wichtig: die Schmiede, Hufschmiede und Stellmacher), Geschäfte aller Art, Ärzte, Apotheke, Mühlen, Rechtsanwälte, Gericht, Finanzamt, Banken usw. Und natürlich viele Gastwirtschaften, denn wenn Geschäfte gemacht worden waren, dann mussten diese auch begossen werden.
Etliche Gaststätten und Hotels hatten Durchfahrten, Höfe und Ställe. Eine Durchfahrt ist eine Passage im Haus, durch die ein Gespann durchs Haus hindurchfahren kann. Auf der Hofseite wurden dann die Wagen abgestellt, die Pferde ausgespannt und in den Stall gebracht. Dafür gab es jeweils einen Stallknecht, der beim abspannen oder einspannen half und die Tiere versorgte. Bauern, die nichts Großes transportieren wollten, kamen vielfach mit ihren Gigs. Ein Gig ist ein einachsiger Wagen (Einspänner) für den Personentransport. Bei schlechtem Wetter wurden die Gigs in der Durchfahrt abgestellt. So waren die Markttage die wichtigsten Ereignisse im Ort, für uns Kinder immer interessant.
Wir wohnten in einem Haus im ersten Stock. Im Erdgeschoss waren eine Anwaltskanzlei und ein Frisörsalon mit Geschäft (Kosmetika, Tabakwaren, Kondome etc.). Der Frisör, Herr Kolz, wohnte im zweiten Stock. Mein Vater war Bürovorsteher beim Rechtsanwalt. Der älteste Sohn der Familie Kolz, der Werner, war drei Monate älter als ich. Wir gingen also auch zusammen in die Schule.
An den 1. September 1939 erinnere ich mich natürlich nicht mehr. Was immer in der Welt geschah war ja auch weit weg. Wir lebten sozusagen am „Arsch der Welt“. Aber irgendwann im September wurde Herr Kolz eingezogen. Er musste sich stellen in Bredstedt. Zum Abschied hat seine Frau ihn dort nochmals besucht.
Herr Kolz war einer der wenigen Besitzer eines privaten PkW, und deshalb konnte Frau Kolz den Werner mitnehmen und auch mich. Es war wohl meine erste Autofahrt. Aber auf der Rückfahrt wurde mir so schlecht, dass ich mich aus dem geöffneten Autofenster übergeben musste. Das hinterließ natürlich Spuren am Auto.
Mein Vater wurde nicht eingezogen, weil er wegen einer schweren Verwundung aus dem ersten Weltkrieg nicht kv (= kriegsverwendungsfähig) war. Dafür wurde er dienstverpflichtet zur Arbeit im Finanzamt.
Irgendwann gab es auch die ersten Lebensmittelkarten.
Und wir mussten verdunkeln. Das heißt, es durfte kein Licht mehr aus den Häusern nach draußen dringen. Wir haben dazu Decken vor die Fenster gehängt und von außen kontrolliert, ob auch kein Licht mehr zu sehen war. Es war zu Anfang recht mühsam, alles wirklich lichtdicht zu kriegen. Später gab es dann spezielle Verdunklungsrollos aus schwarzem Papier.
In einer Ecke des Viehmarktes wurden ein paar Holzbaracken aufgebaut mit einem Zaun herum für polnische Kriegsgefangene.
Und dann geschah etwas sehr Wichtiges: Am Ortsrand von Leck wurde ein Flugplatz für die deutsche Luftwaffe gebaut. Dazu kamen zuerst einmal eine Menge Arbeiter. Die wurden zunächst untergebracht in einem Saal eines Hotels, in dem sonst kulturelle Veranstaltungen stattfanden.
Als Erstes mussten sie ein Barackenlager für sich aufbauen. Dafür hatte man ein sumpfiges Gelände ausgesucht. Um dort Baracken aufstellen zu können, wurde der Sumpf gesprengt. Na, das war ja etwas, was wohl keiner je erlebt hatte. Zum Zeitpunkt der Sprengung hatten sich viele Leute in angemessenem Abstand auf dem Galberg versammelt. (Der Galberg ist ca. 2-3 m hoch) Und dann ein Knall, und eine schwarze Wand von Dreck stieg in die Luft. Also das war ja ein tolles Erlebnis.
Später kamen dann immer mehr Arbeiter, und immer mehr Barackenlager wurden an allen Ecken des Ortes gebaut (auch für den Reichsarbeitsdienst).
Und es kamen Baumaschinen, z. B. Bagger mit Raupenfahrwerk. Ich hatte ja noch nie einen Bagger gesehen. Die Dinger kamen mit der Bahn, wurden am Bahnhof entladen und mussten dann den Ort zur Baustelle durchfahren.
Aber sie hatten keine Lenkung. Das heißt, sie konnten wohl vorwärts und rückwärts fahren, aber nicht um Kurven. Bei der Fahrt durch den Ort mussten aber auch Kurven gefahren werden. Man hat dazu vor die kurveninnere Raupe Holzbalken gelegt, auf denen die Raupe dann so lange rutschte, bis die Kurve geschafft war. Hinter der Raupe kamen die Balken dann ziemlich ramponiert wieder heraus. Das waren für mich ganz spannende Ereignisse.
Natürlich hatte der Flugplatz wirtschaftlich eine große Bedeutung für Leck. Er hat das Leben im Ort total bestimmt. Vor allem aber hat er aus dem friedlichen Leck ein militärisches Angriffsziel gemacht. Deshalb mussten wir fortan mit der Angst vor Luftangriffen leben. Zum Glück wurde der Flugplatz nur einmal von amerikanischen Jägern mit Bordwaffen angegriffen. Aber das war viel später – nicht zu Kriegsbeginn.
Autor: Walter Schmidt
"Das ist
ja interessant!" - Kriegsanfang
Auszüge aus dem Mitteilungsblatt der Zeitzeugenbörse Hamburg
"Zeitzeugen", Ausgabe 41, September - Dezember 2009, Seiten 7 -
8.
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Die Politik und Propaganda der Nationalsozialisten hatte sich von Anfang an eindeutig gegen die Kommunisten und gegen die Sowjetunion gewandt. – Ja, es gab in den Jahren vor 1933 geradezu bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen zwischen Nazis und Kommunisten. Es wurde scharf geschossen, es gab sogar Tote.
So war es für mich als 16-jährige mit wenig Politikverständnis sehr verwunderlich, dass Hitler und Stalin am 23. August 1939 einen gegenseitigen Nichtangriffspakt schlossen. Die Russen waren bis dahin doch immer Staatsfeind Nr. 1 gewesen. Stalin der große Bösewicht! Was ja auch nicht bestritten werden konnte. – Aber Hitler wollte doch keinen Krieg – wie er immer wieder glaubhaft zu machen versuchte. Dieser Pakt sollte es wohl beweisen. – Welcher einfache Bürger konnte schon die wahren Absichten dahinter erkennen, nämlich die Aufteilung Polens und anderer Gebiete zwischen zwei Tyrannen.
Meine Mutter, meine ganze Familie war jedoch immer gut informiert. Onkel Edmund hörte BBC – Londoner Rundfunk, bam – bam – bam – bam! Schon vor Jahren hatte er gesagt: „Der Mann will Krieg.“ – „Dass du bloß keinem davon erzählst,“ ermahnte mich meine Mutter, und ich hatte ein ungutes Gefühl dabei. In unserem einzigen, zensierten deutschen Rundfunksender wurden wir doch als die friedliebende Nation hingestellt.
Deshalb war ich ganz verwundert, als meine Mutter Ende August 1939 ganz besorgt zu mir sagte: „Ich glaube, es gibt Krieg.“
„Das ist ja interessant!“, entfuhr es mir, und meine Mutter stand da wie vom Blitz getroffen. „Du weißt ja nicht, was das bedeutet“, sagte sie empört, „wir werden hungern und frieren, es wird viele Tote geben, es wird schrecklicher als 1914/18, wir müssen mit Luftangriffen rechnen, schon seit Jahren üben „die“ Verdunkelung der Gebäude.“ Mit „die“ meinte sie die Nazis.
Damals – wenige Tage vor Kriegsbeginn – konnte ich es einfach nicht glauben, dass uns so viele Schrecken bevorstehen würden. Waren wir doch überall „friedlich“ einmarschiert: Im Saarland, in Österreich, Sudetenland, Tschechei und Memelland. Es fehlten doch nur noch Danzig und der polnische Korridor!
Am 1. September 1939 klingelte mein Onkel Edmund an unserer Haustür. Er sah meine Mutter, seine Schwester, ernst an und sagte: „Der Kerl hat es geschafft, wir haben Krieg!“ Der Feldzug voller Blut und Tränen begann, er dauerte 5 Jahre und 8 Monate.
Autorin: Lore Bünger
Ausschnitt aus dem Diktatheft von Lore Bünger vom 24. 9. 1937: Hier wird der Krieg schon in die Herzen der Kinder gesät:
Verdunkelung!
„Das mag ja nett werden!“, dachte ich, als mir bekannt wurde, dass von Montag bis Sonnabend Verdunkelungsübung sein sollte. – Am Montagnachmittag ging das Theater bei uns los. Wir holten Wolldecken und verdunkelten ersteinmal das Fenster auf dem Flur und das Clofenster. Und dann fing die Beratung an: „In das Esszimmer dürfen wir nicht gehen, denn die Fenster sind zu groß, um sie zu verdunkeln,“ sagte meine Mutter. Also wurde die Tür abgeschlossen, „Aber ins Kontor können wir auch nicht“, meinte mein Vater, „man kann nicht wissen, ob nicht doch zu viel Licht hinausfällt.“
70 Jahre Kriegsbeginn - Der 1. September
Von Ingeborg Eva Witt
Die Erinnerung an den 1. September 1939 ist bei mir tief verankert. Die vielen einschneidenden Veränderungen haben mein weiteres Leben verändert.
Ich wollte am 23. August 1939 meinen 20. Geburtstag ganz groß feiern. Die erste Enttäuschung , die ich dabei bekam, war die Absage von meinem Freund, der Soldat war. Er schrieb mir, dass seine Truppe auf dem Weg nach Ostpreußen sei, und er keinen Urlaub bekäme. Auch meine Klassenkameraden, die gerade ihre Dienstpflicht ausübten, schrieben mir, dass sie im Manöver waren oder Urlaubssperre hatten. Die kamen also auch nicht. Und somit war die Hälfte meiner Gäste verhindert.
Ich feierte dann den Geburtstag im kleinen Rahmen mit der Familie und ein paar Freundinnen. Ich war sorglos und verschwendete keinen Gedanken an die politische Lage. Mein Vater, der sorgenvoll die Nachrichten hörte und die politischen Geschehnisse beobachtete, war immer sehr besorgt und skeptisch über diese Lage. Er hatte immer das Gefühl, dass die ganze Entwicklung, wie sie geschehen war, zum Kriege führen würde. Ich war darüber böse mit ihm und schalt ihn als „alte Unke“. Wie recht sollte er behalten. Aber ich schob den Gedanken, dass wir den Krieg bekommen würden, einfach beiseite.
Der 1. September war für mich ein schreckliches Erwachen, denn die Gedanken, die man beiseite geschoben hatte, wurden Wirklichkeit. Nie vergesse ich die heisere, brüllende Stimme von Hitler, als er ins Radio schrie: „Ab 5 Uhr wird zurückgeschossen!“ Als ich das hörte, überzog mich eine Gänsehaut und ich war bald starr vor Entsetzen. Der erste Gedanke galt meinem Freund, den ich in Polen vermutete, denn wenn er schon aus Ostpreußen geschrieben hatte, war mir klar, dass er wohl zu der Truppe gehörte, die in Polen einmarschierte.
Es war so, wie er mir später berichtete.
Der Gedanke, dass zurückgeschossen wurde, war für uns unvorstellbar und ich war auch so naiv gewesen und hatte all die Vorboten gar nicht beachtet. Es kamen schon sehr früh diese Anordnungen. Das ging durch die Presse. Es mussten die Dachböden geräumt werden. Es durfte dort nur eine Kiste mit Sand stehen und ein Eimer mit Wasser, ein Leuwagen und ein Feudel. Das ist dann die so genannte Feuerpatsche. Damit sollten die Funken der Brandbomben gelöscht werden. Wer den Feuersturm in Hamburg, wie ich, miterlebt hatte, dem kommt das wie Hohn vor, dass man uns weismachen wollte, dass Funken von den Brandbomben, die durch das Dach fielen, damit gelöscht werden konnten. Denn diese Brandbomben, die durch die Decke fielen, setzten sofort den ganzen Dachstuhl in Brand. Das passierte so schnell. Die Brandbomben fielen durch bis ins Erdgeschoss und dann stand das ganze Haus in Flammen. Auch mussten die Keller geräumt werden. Der Luftschutzwart verlangte, dass ein Kellerraum als Schutzraum hergerichtet wird. Das bedeutet, dass er leer war und einige Sitzgelegenheiten aufgestellt wurden, damit man sich dann, wenn dort unten Schutz gesucht wurde, hinsetzen konnte. Die Kellerfenster, die nach außen gingen, mussten mit Brettern vernagelt oder mit Sandsäcken gesichert werden. Eine Notbeleuchtung musste installiert werden. Albern ist auch aus heutiger Sicht die Markierung der Notausstiege gewesen. Es wurde mit weißer Farbe draußen am Haus ein Rahmen gestrichen. Da stand dann drauf "Notausstieg". Wer nachher die eingestürzten Häuser gesehen hat, weiß, dass von diesem Notausstieg nichts mehr zu sehen war, denn die Trümmer lagen auf diesen Notausstiegen. Die Leute kamen, wenn schon, aus ganz anderen Schlupfwinkeln aus den Trümmern, nicht aus den Notausstiegen. Weil die Hauskeller den Bewohnern deswegen zu unsicher waren, suchten sie lieber einen nahegelegenen Schutzbunker auf. Die Einrichtung der Schutzräume und die Räumung der Dachböden waren an sich schon die Vorboten, denn die Luftschutzwarte gingen schon Monate vorher durch die Häuser und kontrollierten, dass alles so war, wie es vorher angeordnet wurde.
Ab dem 1. September gab es die Anordnungen, alles zu verdunkeln, nämlich Straßen, Häuser, Bahnen. Für die Wohnungsinhaber bedeutete das, alle nach außen liegende Fenster zu verdunkeln, mit z. B. schwarzer Pappe, schwarzen Vorhängen oder Rollos. Es war darauf zu achten, dass die seitlichen Ritzen vollständig abgedichtet wurden mit zusätzlichen Klammern an den Seiten. Und somit fiel auch kein Lichtstrahl aus den Fenstern der Häuser. Die Straßenlaternen hatten dunkelblaue Glühlampen. Ebenso die Straßenbahnen. Die Nummernschilder waren kaum zu erkennen, weil alles in dunkler Farbe war. Es durfte überhaupt kein Lichtstrahl zu sehen sein, damit die feindlichen Flugzeuge keine Angriffsflächen hatten. Weil die Schaufenster nicht mehr beleuchtet, und die Straßen dunkel waren, war alles trostlos und deprimierend. Wir Fußgänger trugen an unserem Revers phosphorisierende Plaketten, damit wir uns nicht anrempelten. Kontrolliert wurde die Verdunklung durch die Luftschutzwarte, die durch die Straßen gingen. Wehe dem Wohnungsinhaber, wo aus dem Fenster ein kleiner Lichtstrahl zu sehen war. Genützt hat diese Verdunklung nichts, denn die Bomben trafen trotzdem die Häuser. Im August wurden Bezugsscheine ausgegeben, mit denen man nur Ware einkaufen konnte. Es gab Bezugsscheine für Lebensmittel, Textilien, Schuhe, Rauchwaren usw.. Als das bekannt wurde, haben sich viele Leute mit Vorräten eingedeckt. In meiner Familie war es leider anders gekommen.
Meine Eltern waren verreist und meine Oma hütete bei uns ein. Wir hatten Haushaltsgeld bekommen und meine Oma und ich beschlossen, sehr sparsam zu sein und meinen Eltern eine Freunde zu machen, wenn sie zurück kamen und wir eine Summe von dem Haushaltsgeld gespart hätten. Weil wir so naiv waren und uns gar nicht um die politische Lage gekümmert haben, war uns die Bedeutung der Bezugsscheine nicht bekannt. Wir kauften also wenig ein und verbrauchten die vorhandenen Vorräte im Haus. Ich werde nie das Entsetzen meiner Eltern vergessen, als sie von der Reise kamen und wir ihnen freudig das ersparte Geld präsentierten, anstatt wie alle anderen, Vorräte „gehamstert“ zu haben. Wir mussten also gleich zu Anfang der Zuteilung die kostbaren Lebensmittelscheine zum Einkaufen verbrauchen, während andere Familien ein Polster hatten. Die Rationen für Lebensmittel waren knapp bemessen. Im Krieg war es so eben ausreichend. Aus meiner Erinnerung waren Lebensmittelrationen so bemessen:
Es gab fünf verschiedene Einteilungen: Kinder, Säuglinge, stillende Mütter, Erwachsene und Schwerarbeiter. Es gab folgende Rationen für Erwachsene pro Tag:
Brot 500g
Nährmittel 50g
Fleisch 50g
Fett 20g
Zucker 30g
Kartoffeln 500g
Der Zeitpunkt der Vergabe wurde durch Presse und Aushang bekannt gegeben und war örtlich verschieden. Schlimmer war es in der Nachkriegszeit. Die Besatzungsmächte erlaubten nur so viel, dass wir nicht verhungerten.
Es war also eine einschneidende Veränderung im täglichen Leben: Rationierung der Lebensmittel, Verdunklung, Angst vor Fliegeralarm, Sorge um Angehörige im Krieg, Verminderung des kulturellen Lebens, Tanzverbot, Leben nach dem nationalsozialistischen Regime (Judenverfolgung, Bücherverbrennung).